Lieferung 94

Karl May

12. Mai 1888

Der Weg zum Glück.

Vom Verfasser des »Waldröschen«, »Verlorner Sohn«, »Deutsche Helden« etc.


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Dann hörte er, daß der Betreffende eintrat. Er schien sich umzusehen, dann kam er an die Thür und hantierte an derselben herum, um zu probiren, ob dieselbe offen sei oder nicht. Nun setzte er sich nieder, und es ward still da draußen.

Nichts regte sich. Es war dunkel und schmutzig in dem Versteck, und ein fauliger, moderiger Geruch berührte die Nerven des Grafen auf das Unangenehmste. Er wünschte jetzt, sich nicht verborgen zu haben. Da es aber einmal geschehen war, so galt es, auszuharren, bis der Mann sich wieder entfernt hatte.

Da stieß der Letztere einen halblauten Pfiff aus und rief sodann:

»Salek, hier!«

Bald vernahm der Graf den Schritt eines Zweiten. Dieser sagte, indem er eintrat:

»Ah, Herr Baron, schon hier! Soeben erhielt ich Ihre Zeilen und eilte sofort her.«

Diese Stimme kam dem Grafen sehr bekannt vor. Sie wurde aber in dem Raume so eigenthümlich gebrochen, daß sie nicht ihre natürliche Färbung hatte.

»Ist mir lieb, daß ich nicht lange zu warten brauche. Ich theilte Ihnen mit, daß er endlich hier ist. Ich erfuhr es telegraphisch, als er aus Pest abfuhr und eilte ihm mit dem nächsten Zuge nach. Nun müssen wir zu erfahren suchen, wo er abgestiegen ist.«

»Ich weiß es bereits.«

»Ah! Das wäre wunderbar. Sie kennen ihn ja gar nicht.«

»Der Zufall hat ihn mir verrathen.«

»So! In welchem Hotel wohnt er?«

»Er hat sich soeben Privatlogis genommen.«

»Wo? Oder« - setzte er schnell hinzu - »sagen Sie mir es lieber nicht. Es ist besser, daß ich diese Sachen gar nicht weiß, damit ich gegebenen Falls außer Spiel komme. Sie wissen, was ich von Ihnen fordere?«

»Ja, die Papiere.«

»Richtig. Er hat nämlich nur die Abschriften derselben zu den Acten gegeben, und ich weiß ganz genau, daß er die Originale stets bei sich führt. Er vertraute sie Niemandem an. Ein Schreiber seines Advocaten, den ich bestochen habe, hat es mir verrathen. Nun aber ist die Frage, auf welche Weise man sie ihm abnehmen kann.«

»Ja, das ist schwer.«

»Ich kann und mag mir den Kopf nicht darüber zerbrechen. Ich bin kein Einbrecher wie Sie. Das ist vielmehr Ihre Sache. Ich bezahle Sie, und Sie führen es aus. Wie, das geht mich nichts an. Werden Sie dabei erwischt, so ists Ihr Schaden allein. Ich weiß von nichts, und Sie können nicht den geringsten Beweis bringen, daß ich Ihr Auftraggeber bin.«

»Sie handeln da sehr schlau. Da in Folge dessen die ganze Last auf mich fällt, können Sie sich denken, daß ich mein Honorar darnach bemesse.«


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»Honorar!« lachte der Baron. »Sehr gut! Ein Einbrecher wird honorirt! Sagen Sie das in späteren Fällen einmal dem Untersuchungsrichter! Aber ich denke nicht unbillig. Sie sollen gut bezahlt werden. Das besprechen wir nachher noch. Jetzt aber sagen Sie mir, wie Sie die Sache ausführen wollen!«

»Hm, hm! Ich habe bereits einen vortrefflichen Gedanken - aber, sind Sie sicher, daß wir hier nicht belauscht werden?«

»Es ist Niemand hier.«

»Dort ist eine Thür!«

»Sie ist verschlossen. Es liegt jedenfalls eine alte Rumpelkammer dahinter. Wer sollte sich da verstecken! Es wußte ja Niemand, daß es hier Etwas zu erlauschen giebt.«

»Ich werde mich doch selbst überzeugen.«

Er ging zur Thür und versuchte, dieselbe aufzusprengen; dies gelang ihm aber nicht, da der Graf sich mit aller Gewalt dagegen stemmte.

»Ja, wir sind allein,« meinte er beruhigt, indem er zu dem Andern zurückkehrte.

»Ich will Ihnen nämlich so viel sagen,« sprach Salek, »daß der Hof seiner Wohnung an den Hof und Garten der Wohnung eines Sängers stößt, welcher mein Freund ist. Ich werde diesen Freund besuchen und ihn spät Abends so betrunken machen, daß er die Besinnung verliert. Er liebt den Champagner sehr. Dann habe ich freies Spiel, steige von einem Hof in den anderen und - na, das Uebrige ist ja meine Sache. Sie wollen nichts davon hören.«

»Aber wie kommen Sie in seine Wohnung?«

»Sie liegt parterr, und er schläft in dem Zimmer, welches nach dem Hofe liegt. Da kann es mir also gar nicht bange sein, hinein zu kommen. Man versteht ja sein Fach. Es giebt recht hübsche Mittel, eine Fensterscheibe einzudrücken.«

»Wird er das nicht hören?«

»Unmöglich. So Etwas verursacht nicht das kleinste Geräusch, nämlich wenn man es richtig macht. Grad das macht mir die allerwenigste Sorge. Wenn es nur nicht einen anderen Punkt gäbe, der mir gar nicht behagen will!«

»Welcher wäre das?«

»Ich komme jetzt von dem Sänger, meinem Freunde, und bin da mit diesem Fex zusammengetroffen. Er wollte sich das Logis ansehen, und bei dieser Gelegenheit gerieth ich in Conflict mit ihm.«

»Welch eine Unvorsichtigkeit!«

»Nicht ich war schuld daran. Ich sprach gar nicht mit ihm. Mein Freund aber beging einen Fehler; er stellte ihn mir vor und nannte ihn dabei Fex anstatt Baron. Das ärgerte ihn, und er äußerte, daß nicht er mir, sondern ich ihm vorgestellt werden müsse, denn er sei Baron, ich aber nicht. Natürlich war ich da zu einer scharfen Entgegnung gezwungen, auf welche er mir mit der Polizei drohte.«


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»Donnerwetter! Weiß er denn Etwas?«

»Es scheint.«

»Das wäre dumm, sehr dumm!«

»Er warf mir vor, daß ich mich in seine Angelegenheit mische und in seinen Spuren laufe. Woher weiß er das?«

»Von mir natürlich nicht.«

»Von mir ebenso wenig. Es versteht sich ja ganz von selbst, daß ich zu keinem Menschen Etwas sage.«

»Wenn Sie wirklich gewiß sind, nicht geplaudert zu haben, so ist nur anzunehmen, daß Ihr Suchen nach ihm irgend Wem aufgefallen ist, der ihn davon benachrichtigt hat.«

»Wer könnte das sein? Diese Benachrichtigung müßte von Lignano aus erfolgt sein, und der Betreffende müßte auch meinen falschen und meinen richtigen Namen kennen.«

»Anders ist es gar nicht möglich. Das ist ein sehr bedenklicher Punkt. Nehmen Sie sich in Acht! Wenn es so steht, so müssen wir gewärtig sein, daß man die Polizei bereits auf Sie aufmerksam gemacht hat. Haben Sie in dieser Beziehung noch nichts bemerkt?«

»Leider ja, aber nicht erst seit heute, sondern bereits früher. Ihre Aufmerksamkeit muß also andere Gründe haben. Jedenfalls werde ich die äußerste Vorsicht anwenden. Erwischen lassen, das giebt es bei mir nicht.«

»Ich will es hoffen. Natürlich bin ich da zu doppelter Vorsicht angeregt. Ich werde mich mit Ihnen gar nicht sehen lassen. Gut ist es da, daß ich einen andern Namen angenommen habe.«

»Haben Sie sich im Hotel bereits eingetragen?«

»Nein. Ich bin über die Wahl desselben noch unentschlossen. Ich trage mich als Baron von Wellmer in das Fremdenbuch ein. Es ist gar nicht nöthig, daß Sie erfahren, wo ich wohne, denn Sie dürfen mich nicht aufsuchen, ebenso wenig wie ich in Ihre Wohnung komme. Es darf uns eben kein Mensch beisammen sehen.«

»So schreiben wir uns? Vielleicht poste restante?«

»Auch das ist zu gefährlich.«

»Aber wir müssen doch mit einander verkehren! Wie sollen Sie sonst die Papiere erhalten, wenn es mir gelungen ist, sie zu bekommen?«

»Hier! Ich werde alle Morgen punkt neun Uhr hier im Pavillon sein. Ist Ihnen während der Nacht der Einbruch gelungen, so bringen Sie mir den Raub hierher. Ich werde stets genau eine Stunde hier auf Sie warten.«

»Schön! Und meine Belohnung?«

»Erhalten Sie sofort, wenn ich mich überzeugt habe, daß Sie mir wirklich das Gewünschte gebracht haben.«

»Das ist mir lieb. Auf diese Weise werden alle Weitläufigkeiten, welche gefährlich werden können, vermieden. Wieviel aber zahlen Sie?«

»Fordern Sie!«

»Das ist zu schwierig. Lieber höre ich Ihr Gebot.«


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»Ein Angebot zu thun ist für mich ebenso schwierig. Sie müssen doch wissen, wieviel Sie für einen solchen Einbruch verlangen.«

»Meinen Sie, daß wir Einbrecher eine bestimmte Preisliste haben? Mein Honorar muß nach dem Werthe, welchen die Papiere für Sie haben, berechnet werden.«

»Ah!« machte der Baron gedehnt. »Das klingt ja, als ob - -«

»Nun was? Wie klingt es?«

»Als ob Ihre Forderung eine sehr hohe sein werde.«

»Damit geben Sie zu, daß der Werth der Papiere ein sehr hoher für Sie ist.«

»Doch nicht ganz.«

»Leugnen Sie nicht. Es handelt sich um das ganze, reiche Erbe, welches Sie an den Fex abzutreten haben.«

»Da ist doch nicht so gewiß, wie Sie anzunehmen scheinen. Ich kann den Proceß noch in letzter Instanz gewinnen.«

»Daran haben Sie noch vorhin erst gezweifelt. Sie gaben zu, daß Sie den Besitz nur dadurch für sich sichern könnten, wenn die Papiere in Ihre Hände gelangen. Nun kenne ich den Werth Ihrer Erbschaft sehr genau. Es war ein bedeutendes Baarvermögen vorhanden, und auch ohne demselben repräsentiren die liegenden Güter und Besitzungen einen Werth von Millionen. Da kann ich natürlich meine Freiheit nicht für einen Pappenstiel auf das Spiel setzen.«

»Lassen wir alle Auseinandersetzungen. Ich möchte mich in den Besitz der Documente setzen, habe aber keine Lust, mir Daumenschrauben anlegen zu lassen. Sagen Sie einfach, wieviel Sie verlangen!«

»Gut! Fünfzigtausend Gulden.«

Eine kurze Pause entstand; dann rief der Baron:

»Sind Sie bei Sinnen?«

»Ist es Ihnen etwa zu viel?«

»Natürlich! Fünfzigtausend Gulden! Das ist ja ein Vermögen, von welchem Sie dann ganz anständig leben könnten.«

»Pah! Das würde zu vier Procent zweitausend Gulden ergeben. Meinen Sie, daß man von so einer Lappalie leben kann? Und noch dazu anständig? Ich habe zu wenig gefordert.«

»Auch noch! Zu wenig!«

»Zahlen Sie diese Summe?«

»Nein.«

»Nun wohl, so haben Sie die Güte, sich die Documente selbst zu stehlen!«

Der Graf hörte, daß Salek einige Schritte that, um sich zu entfernen.

»Das habe ich nicht nöthig,« lachte der Baron. »Wenn Sie zu viel verlangen, so habe ich Andere, welche billiger sind.«

»Aber die Geschichte nicht fertig bringen!«

»Doch wohl! Ich glaube, Sie haben Collegen, welche ebenso gewandt sind wie Sie.«


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»Mag sein. In dem vorliegenden Falle aber bin ich jedem Andern voraus. Ich habe mir den Weg zum Fex bereits geebnet.«

»Das wird jeder Andere auch thun!«

»Versuchen wird er es, ja; aber an dem Gelingen wird es fehlen; das weiß ich ganz gewiß.«

Seine Stimme klang scharf, fast drohend.

»Wie meinen Sie das?« fragte der Baron, nun seinerseits auch in einem weniger freundlichen Tone.

»Das heißt, daß Sie mir diesen Auftrag ertheilt haben und ich wochenlang bereits für Sie thätig gewesen bin. Ich will das nicht umsonst gethan haben und lasse mir von keinem Andern in diese Angelegenheit pfuschen.«

»So! Das klingt ja wirklich drohend!«

»Nehmen Sie es, wie Sie wollen!«

»Ich nehme es einfach so, daß mir Ihr Preis viel zu hoch ist, und ich mich darum an einen Andern wenden werde.«

»Das kann ich nicht erlauben!«

»Donnerwetter! Wollen Sie mir Vorschriften machen, Salek?«

»Allerdings!«

»Das lassen Sie sich ja nicht einfallen!«

»Warum nicht? Sie scheinen die Angelegenheit noch nicht recht überdacht zu haben. Ich habe Ihnen schon oft gedient, auch in anderen Dingen, und Sie sind stets mit mir zufrieden gewesen. Weniger zufrieden war ich mit Ihnen, da Sie nur spärlich zahlten. Sie vertrösteten mich immer auf den gegenwärtigen Coup und versicherten mir, daß derselbe mir desto mehr einbringen werde. Nun ich an das Werk gehen will, beabsichtigen Sie, sich an einen Andern zu wenden. Sie müssen natürlich einsehen, daß mir das nicht behagen kann!«

»So fordern Sie weniger!«

»Daß ich dumm wäre!«

»Nun, so gehe ich eben weiter!«

»Und ich wiederhole, daß ich Ihnen das nicht erlaube.«

Es entstand jetzt eine neue Pause, während welcher sich der Baron wohl Mühe gab, seinen Zorn zu beherrschen. Dann antwortete er:

»Mit dieser Drohung dürfen Sie mir nicht kommen. Ich lache einfach über Sie. Ich bin keineswegs abhängig von Ihnen.«

»Vielleicht doch. Jedenfalls aber hängt das Gelingen Ihres Planes von mir ab.«

»Schwerlich!«

»Das wollen Sie nicht einsehen? Baron, ich habe Sie für klüger gehalten! Meinen Sie, daß ein Einbrecher ein sittlicher Held sein und den Uebernoblen spielen werde? Jeder ist sich selbst der Nächste. Sobald Sie mir den Auftrag entziehen, sorge ich dafür, daß der Streich nicht gelingen kann.«

»Alle Teufel! Was wollen Sie thun?«

»Den Fex benachrichtigen, ihn warnen.«


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»Das werden Sie natürlich bleiben lassen!«

»Warum?«

»Weil Sie sich dabei selbst im Lichte stehen würden.«

»Keineswegs.«

»Jedenfalls. Sie müßten ihm doch sagen, woher Sie wissen, was ich vor habe.«

»Ich würde die Sache natürlich anders darstellen, als sie ist. Ich würde vielleicht sagen, daß ich Sie belauscht habe, als Sie einem Unbekannten den Auftrag gaben, die Papiere zu stehlen. Ich würde vielleicht sogar die Polizei benachrichtigen.«

»Diese würde jedenfalls sofort errathen, daß Sie selbst jener Unbekannte gewesen sind.«

»Möglich. Aber beweisen könnte es mir Keiner. Und nun überlegen Sie sich einmal, welch ein Licht das auf Ihren Proceß werfen müßte!«

»Ein schlimmes nicht, denn man würde Ihnen einfach keinen Glauben schenken, weil man Sie kennt.«

»Man müßte mir glauben, denn ich würde beweisen, daß Sie sich unter einem fremden Namen hier aufhalten. Das thut natürlich nur Jemand, der das Licht zu scheuen hat.«

»Auch dagegen kann ich mich verwahren, indem ich sofort abreise.«

»In diesem Falle würden Sie Ihre Angelegenheit im Stiche lassen, und ich hätte also meinen Zweck erreicht. Das genügt.«

»Salek, Sie sind ein Schuft!«

»Und Sie auch kein Engel.«

»Sie handeln schurkisch an mir!«

»Und Sie lumpig gegen mich. Uebrigens würde es mir sehr leicht werden, zu beweisen, daß Sie in Wien waren und hier in diesem Pavillon eine Unterredung mit einem Unbekannten gehabt haben.«

»Das machen Sie mir nicht weiß!«

»O doch! Ich hätte da weiter nichts zu thun, als mich nicht von Ihnen zu trennen. Wenn ich von diesem Augenblicke an an Ihrer Seite bleibe, können Sie mir nicht entweichen, und ich brauche Sie nur dem ersten besten Sicherheitswachmann zu zeigen. Dieser nimmt Sie mit, und Sie werden gezwungen, Ihre Personalien festzustellen. Dann wird man mir glauben.«

»Elender!«

»Ich wiederhole, daß Sie von einem Einbrecher nicht verlangen können, daß er ein Tugendheld sei. Es giebt ja sogar Leute, welche niemals eingebrochen haben, aber Andere dazu verleiten. Wer ist da der größte Schurke?«

»Mensch! Sie werden frech! Das kann ich mir nicht bieten lassen. Ich sehe also von der ganzen Angelegenheit ab. Ich mag die Papiere nun gar nicht haben!«

»Das glaube ich Ihnen nicht. Sie wollen und müssen sie haben, gegen mich thun Sie, als ob Sie ganz verzichten, und sobald wir uns getrennt haben, suchen Sie einen Andern auf.«


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»Denken Sie, was Sie wollen. Mit Ihnen bin ich fertig. Ich gehe!«

Der Graf hörte, daß der Sprecher einige Schritte that; aber der Andere folgte ihm sofort und erklärte in sehr bestimmtem, höhnischem Tone:

»Allein gehen lasse ich Sie nicht. Ich gehe mit!«

»Sie bleiben!« erklang es gebieterisch.

»Pah! Ich kann gehen, wohin ich will!«

»Aber nicht mit mir!«

»Ereifern Sie sich nicht. Ich gehe nicht mit Ihnen, sondern hinter Ihnen. Ich werde mich so lange an Ihre Fersen heften, bis Sie polizeilich feststellen müssen, wer und was Sie eigentlich sind.«

»Salek! Ich hätte nie gedacht, welch ein ungeheurer Schurke Sie sind!«

»Nicht? Dann sind Sie kein Menschenkenner. Ich bin mir über Sie sofort klar gewesen. Sie wissen ganz genau, daß Sie sich im Unrecht befinden und daß der Fex wirklich Ihr Verwandter ist. Sie selbst haben mir das gestanden. Dennoch wollen Sie ihm nicht nur sein väterliches und mütterliches Erbtheil rauben, sondern ihn auch in das Dunkel zurückschleudern, aus welchem er aufgetaucht. Ueberlegen Sie sich, ob ich da viel besser von Ihnen denken kann als Sie von mir!«

»Ich verbitte mir solche Vergleiche!«

»So legen Sie mir dieselben nicht erst nahe!«

»Das habe ich nicht gethan!«

»Natürlich haben Sie es gethan! Indem Sie sich erlauben, sich über meine Moralität auszusprechen, fordern Sie mich indirect auf, auch die Ihrige zu beleuchten. Sie handeln überhaupt nicht als ein kluger Mann. Wer Millionen gewinnen will, der kann leicht fünfzigtausend Gulden zahlen. Diese Summe repräsentirt die Zinsen von nur einer Million. In einem Jahre ist das abgemacht. Ich gestehe, daß es mir geradezu unmöglich ist, Sie zu begreifen.«

»Von Ihrem Standpunkte aus mögen Sie Recht haben, aber von dem meinigen nicht. Ich habe den Proceß noch nicht gewonnen und soll Ihnen bereits eine so hohe Summe zahlen. Meinen Sie, daß ich mich nur zu bücken brauche, um dieses horrente Geld von der Straße aufzuheben?«

»Nun, was diesen Punkt betrifft, so werde ich mit mir sprechen lassen. Wir können uns ja einigen und ein Abkommen treffen, welches sowohl mich, als auch Sie befriedigt.«

»So machen Sie mir Ihre Vorschläge!«

»Zahlen Sie einen Theil jetzt und den andern Theil dann, wenn Sie den Proceß gewonnen haben.«

»Wieviel?«

»Die Hälfte.«

»Hm!«

»Damit können Sie zufrieden sein. Ich gebe Ihnen mein Wort, daß dies die einzige und letzte Concession ist, welche ich Ihnen mache.«

Der Baron ging nicht sofort auf diese Forderung ein. Beide stritten


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sich noch längere Zeit hin und her. Da aber Salek nicht nachgab und bei der Drohung, die Sache zu verrathen, blieb, so stimmte er endlich gezwungenermaßen bei. Er mußte dem Einbrecher Wort und Handschlag geben. Wenn er aber gemeint hatte, daß die Sache nun geordnet sei und er vielleicht gar irgend welche Hintergedanken hegen könne, so hatte er sich geirrt. Der Spitzbube war ein schlauer, geriebener und erfahrener Patron. Er bemerkte in einem höchst freundlichen, aber dabei ironischen Tone:

»Jetzt fühlen Sie sich befriedigt. Nicht wahr?«

»Gezwungener Maßen, ja. Sie thun es ja nicht anders.«

»Also, wenn ich die Papiere bringe, erhalte ich die Hälfte sofort in guter, gangbarer Münze?«

»Ja.«

»Und die andere Hälfte sobald Sie den Proceß gewonnen haben?«

»Natürlich! So ist es ausgemacht. Wir haben das besprochen, und es ist nichts mehr darüber zu bemerken.«

»O doch!«

»Ich wüßte nicht, was!«

»Desto besser weiß ich es. Sie machen mir nämlich plötzlich ein so schlaues, zufriedenes Gesicht, daß ich glaube, sehr vorsichtig sein zu müssen.«

»Von diesem Gesichte habe ich keine Ahnung!«

»Ich aber sehe es und weiß, was es zu bedeuten hat. Sie haben jedenfalls die Absicht, mich zu betrügen.«

»Welch ein Gedanke! So Etwas ist ja nicht möglich!«

»Sehr leicht sogar.«

»Wie denn, Sie fataler Mensch?«

»Sie brauchen mir nur die zweite Zahlung zu verweigern; dann kann ich gar nichts dagegen thun.«

»Fällt mir nicht ein!«

»Kann Ihnen aber später leicht einfallen. Darum muß ich als kluger Mann meine Vorkehrungen treffen.«

»Ist Alles unnöthig!«

»Ich meinerseits halte es für sehr nöthig und werde also meine Forderung an Sie stellen.«

»Kommen Sie mir ja nicht mit weiteren Forderungen! Ich gehe ganz bestimmt auf nichts mehr ein.«

»Keine Angst, Baron! Ich fordere kein Geld. Es ist nur eine Bedingung, welche ich machen will.«

»Hole der Teufel Ihre Bedingung!«

»Sehr freundlich! Ich werde sie aber dennoch machen. Sobald ich Ihnen hier an diesem Orte die Papiere übergebe, zahlen Sie mir fünfundzwanzigtausend Gulden und geben mir dazu einige Zeilen mit Ihrer Unterschrift, daß Sie mir für die Documente noch die gleiche Summe zu geben haben.«

»Fällt mir nicht ein!«

»Warum nicht?«


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»Mein Wort gilt! Ich habe keine Lust, mich in eine solche Gefahr zu begeben.«

»Gefahr? Davon kann ja keine Rede sein.«

»Denken Sie, was erfolgen muß, wenn meine Unterschrift in falsche Hände gerathen sollte!«

»Das ist unmöglich. Ich würde sie natürlich so verwahren, daß kein Mensch sie zu finden vermag.«

»Trau, schau, wem! Bei Ihnen ist so Etwas am allerunsichersten aufgehoben. Sie können sehr leicht einmal mit der Polizei zu thun bekommen.«

»Selbst in diesem Falle wird nichts gefunden.«

»Das glaube ich nicht.«

»Wenn ich versichere, daß ich ein Versteck habe, welches die absoluteste Sicherheit bietet, so können Sie es glauben. Ich gebe die Documente nicht anders her. Das ist mein fester Entschluß und Wille.«

Abermals begann ein längeres Hin- und Herreden; dann endlich willigte der Baron ein. Die Beiden reichten sich die Hände; dann ging der Einbrecher.

Der Baron blieb noch zurück, um nicht mit ihm gesehen zu werden. Der Graf hörte ihn murmeln:

»Verfluchter Hallunke! Ihm ist nicht beizukommen! Ich hätte ihm wirklich nur die eine Hälfte bezahlt. Aber er ist zu schlau.«

Als ungefähr zehn Minuten vergangen waren, entfernte auch er sich. Der Graf durfte trotzdem noch nicht vollständig aus seinem Verstecke treten, weil er von dem Baron gesehen worden wäre, im Falle dieser sich umgedreht hätte. Er öffnete die Thür nur ein wenig und blickte dem sich Entfernenden nach.

»Wenn ich mich nur besinnen könnte!« sagte er zu sich. »Ich habe diesen Baron gesehen, und auch seine Stimme kenne ich. Hoffentlich fällt es mir noch ein. Ich muß ihm nach und lasse ihn nicht aus den Augen.«

Als der Genannte hinter dem Gesträuch verschwunden war, eilte der Graf hinter ihm her. Später konnte er sich ja sehen lassen, ohne den Verdacht zu erregen, daß er gelauscht habe.

Er blieb dem Baron so nahe, daß dieser ihm nicht entgehen konnte. Nur bei Krümmungen des Weges verlor er ihn für kurze Momente aus den Augen.

So gingen Beide durch verschiedene Anlagen und gelangten dann auf einen breiteren Weg. Der Graf hatte die feste Absicht, den Baron einzuholen und ihn in ein Gespräch zu verwickeln, leider aber kam er nicht dazu.

Zwei Damen kamen ihnen entgegen. Der Baron ging an ihnen vorüber, und als sie näher kamen, erkannte der Graf - Frau Salzmann und die schöne Sängerin.

Da verstand es sich ganz von selbst, daß er die Verfolgung aufgab.

»Ich kenne doch den Namen Wellmer, den er sich beilegen will,« dachte er. »Morgen wird derselbe in den Fremdenlisten zu lesen sein.«

Leni erröthete, als sie ihn erkannte. Sie war ganz in derselben Absicht wie er hierhergekommen. Es trieb sie an den Ort, an welchem sie ihn ge-


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sehen hatte, und es war ihr, als ob er ihr dies ansehen müsse. Daher ihre Verlegenheit.

Ob er es ahnte? Seine Augen leuchteten freudig auf, und ein glückliches Lächeln breitete sich über sein männlich schönes Angesicht. Natürlich blieben die Drei stehen, um sich zu begrüßen. Aber bereits nach den ersten wenigen Worten sagte er im Tone der Bitte:

»Entschuldigen die Damen, wenn ich eine Frage ausspreche, welche mit meiner Freude, Sie hier zu sehen, gar nicht in Verbindung steht. Kennen Sie vielleicht den Herrn, der soeben an Ihnen vorüberging?«

Beide verneinten.

»Ich traf ihn zufällig und habe Veranlassung, zu erfahren, wer er ist.«

»So eilen Sie ihm nach!« antwortete Frau Salzmann. »Wir bitten Sie darum!«

»O nein. Einer so unverzeihlichen Unhöflichkeit darf ich mich nicht schuldig machen.«

»Es ist keine Unhöflichkeit. Wir können Sie nicht für den Verlust entschädigen, den Sie erleiden werden.«

»Es handelt sich nicht um einen Verlust, und selbst im Gegenfalle würde ich durch die Erlaubniß, mich Ihnen für wenige Minuten anschließen zu dürfen, überreich entschädigt sein.«

So setzte er nun im Verein mit ihnen den Spaziergang fort, und begleitete sie, als der Rückweg angetreten wurde, so weit, wie die Höflichkeit es erforderte und gestattete.

Das Gespräch bewegte sich um ernste Gegenstände, und da fand es sich, daß die Sängerin in Vielem, ja in Allem mit ihm harmonirte. Ihre Lebensanschauungen waren ganz die seinigen, und es herrschte zwischen ihnen eine Gesinnungsgleichheit, welche ihn entzückte.

Dann begab er sich nach dem 'Kronprinzen von Oesterreich', um dem alten Hauptmanne seinen Besuch abzustatten. Er fand ihn nicht daheim und ließ seine Karte zurück, auf welcher er ihm mittheilte, daß er ihn am Abende abholen wolle, um ihn in das Casino einzuführen. Dann begab er sich nach Hause.

Dort er bekam er Muse, über seine Erlebnisse im Pavillon nachzudenken. Es handelte sich um einen Einbruch, um den Raub von Papieren, welche entscheidend auf den Verlauf eines Erbschaftsprocesses wirken mußten. War es nicht seine Pflicht, den ganzen Vorgang und Alles, was er gehört hatte, der Polizei zu melden?

Sicher!

Aber indem er weiter darüber nachdachte, kam er zu dem Entschlusse, noch bis morgen zu warten, um aus der Fremdenliste zu erfahren, in welchem Gasthofe der angebliche Baron von Wellmer wohne. Nach dem ganzen Verlaufe des Gespräches zwischen diesem und dem Einbrecher war es nicht sehr wahrscheinlich, daß die That bereits heute vorgenommen werden würde.

Damit war diese Angelegenheit für jetzt abgethan, und der Graf lenkte seine Gedanken auf einen viel schöneren Gegenstand - sein Zusammentreffen


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mit Leni, aus welchem es ihm vielleicht erlaubt war, zu schließen, daß sie sich gern an ihre erste, gestrige Begegnung erinnere.

In diesem beglückenden Gedanken verbrachte er den übrigen Theil des Tages und ging dann am Abende, um Sepp abzuholen.

Gerade um dieselbe Zeit ging der Baron von Stubbenau nach der Lilienbrunngasse, wo die Tänzerin Valeska wohnte.

Sie war keineswegs die Domina des Corps de Ballet, und das Salair, welches sie bezog, war für ihre Bedürfnisse ein außerordentlich bescheidenes zu nennen. Dennoch hatte sie sich in einem ersten Stockwerke der genannten Straße eine prächtig möblirte Wohnung gemiethet, welche sie von ihrem Gehalte unmöglich bestreiten konnte, zumal sie sehr splendid lebte.

Man vermuthete daher, daß sie ihre Schönheit als Quelle einer besseren Einnahme benutze, doch zeigte sie in nichts, daß diese Vermuthung die richtige sei.

Es verkehrten keine Herren bei ihr, und die Summen, welche sie ausgab, mußten einer sehr geheimnißvollen Quelle entstammen.

Nur der Baron von Stubbenau besuchte sie oft, und seit einiger Zeit hatte man den Sänger Criquolini zu ihr gehen sehen.

Als der Erstere von der Zofe angemeldet worden war, trat er in das Boudoir der Tänzerin. Es war ausgestattet wie das Gemach einer Millionärin.

Valeska lag auf dem Sopha, in einen leichten Schlafrock gehüllt, durch dessen Stoff ihre üppigen Formen schimmerten. Sie breitete ihre Arme aus, und er ließ sich mit vieler Wärme von ihr umfangen.

»Dich hätte ich nicht erwartet,« sagte sie, ihn küssend. »Ich glaubte Dich bereits bei Criquolini.«

»So weißt Du also, daß ich zu ihm geladen bin?«

»Ja. Er war hier.«

»Und hat auch Dich geladen?«

»Natürlich. Ich freue mich darauf. Er versicherte, daß ich die Tafel und die Weine ganz vorzüglich finden werde. Es wird das ein allerliebstes Gelage sein, und ich habe sehr große Lust, diesen Anbeter unter den Tisch zu trinken.«

»Das ist auch meine Absicht.«

»So?«

Sie blickte ihn forschend an. Als sie das bedeutungsvolle Lächeln bemerkte, welches um seine Lippen zuckte, fragte sie:

»Hast Du einen besonderen Grund dazu?«

»Einen sehr besondern und wichtigen. Ich habe heut Gulijan getroffen. Er zahlt fünfzigtausend Gulden, die Hälfte sofort nach Empfang der Papiere. Ich hole sie mir heut.«

»Bravo!«

»Und noch mehr hole ich mir heut. Wenn Du mir nur helfen könntest.«

»Warum nicht? Bin ich doch stets Deine Verbündete. Oder ists heut zu gefährlich für mich?«


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»Ich glaube nicht. Es ist von mir Alles so vorbereitet worden, daß es gar nicht mißlingen kann. Criquolini hat Dir gesagt, daß er ausgezogen ist?«

»Ja. Warum that er das?«

»Seine Wirthin zwang ihn dazu, weil er zudringlich gegen ihr Dienstmädchen wurde.«

»Der Affe! Er hat ja mich!«

Sie sagte das gar nicht etwa im Tone der Eifersucht, sondern sie lachte sogar dazu.

»Da hat er allerdings eigentlich genug,« antwortete der Baron. »Aber er ist wirklich unersättlich. Er hat es nebenbei auch auf die Ubertinka abgesehen.«

»Alle Teufel! Das ist dumm, denn diese kann mir leicht gefährlich werden!«

»Sie soll freilich verdammt schön sein. Du hast Dich also in Acht zu nehmen.«

»Der Kukuk hole sie! Könnte ich ihr doch einen Possen bereiten!«

»Das kannst Du. Ich will mir heut ihre Diamanten holen.«

»Sapperment! Hat sie welche?«

»Und was für welche! Willst Du helfen?«

»Allemal.«

»So sollst Du meinen Angriffsplan erfahren.«

Er setzte sich zu ihr auf das Sopha, zog sie in seine Arme und theilte ihr seine Absichten mit. Als er geendet hatte, stimmte sie ihm bei und sagte lachend:

»Wenn die liebe Wiener Polizei wüßte, daß einer der gefürchtetsten Einbrecher hier eine - - Tänzerin ist! Ich habe bei Dir eine gute Schule genossen. Aber, Egon, Eins sage ich Dir: ich ahne, daß Du auch gegen Criquolini gewisse Absichten hegest!«

Er lächelte schlau und fragte:

»Hättest Du Etwas dagegen?«

»Natürlich!«

»Ich sehe keinen Grund!«

»Ich will ihn heirathen. Wenn Du ihn bestiehlst, bestiehlst Du mich.«

»Du erhältst ja die Hälfte! Wir theilen!«

»In diesem Falle will ich nicht die Hälfte, sondern das Ganze.«

»Er verdient ungeheures Geld. Du kannst Dich also später entschädigen!«

»Sprechen wir nicht darüber! Ich verbiete Dir, ihm auch nur einen Pfennig zu nehmen. Ich werde seine Frau sein. Das ist der Grund.«

»Das ist dumm! Ich hatte mir bereits Alles so schön zurecht gelegt.«

»Geht mich nichts an! Ich heirathe ihn nicht aus Liebe, denn er ist ein Dummkopf, ein ungebildeter, aber eingebildeter Mensch. Aber er wird berühmt sein und viel Geld verdienen. Ich gebe gern viel Geld aus, und so passen wir zu einander. Als seine Frau kann ich mein gewohntes Leben fortsetzen, ohne mir die Mittel dazu durch Einbruch verschaffen zu müssen.«

»Dann ist es also leider mit unserer Kameradschaft aus.«


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»Ja. Dafür aber kannst Du dann Alles für Dich allein behalten. Wenn Du so vor- und umsichtig weiter arbeitest wie jetzt, wirst Du sehr bald ein steinreicher Mann sein. Der gute Krikelanton ahnt doch nicht etwa, in welchem Verhältnisse Du zu mir stehst?«

»Fällt ihm nicht ein!«

»Er ist ein Esel! Er müßte es merken.«

»O, er hält Dich für das Muster einer Tänzerin.«

»Und doch habe ich zwei Kinder!«

»Deren Vater zu sein ich die Ehre habe,« lachte der Baron. »Na, wir sind wenigstens so klug, die Liebe von der richtigen Seite zu betrachten. Sie ist ein Vergnügen, welches man einem Jeden gönnen muß; darum sind wir nicht eifersüchtig. Du willst bei dem Anton Dein Glück versuchen? Gut, ich habe nichts dagegen, denn meine Geliebte wirst Du trotzdem bleiben.«

»Und ich werde Dir auch nicht hinderlich sein, wenn Dich einmal die Lust befällt, eine Andere anzubeten. Das Geschäft ist die Hauptsache. Habe ich dieses mit Criquolini gemacht, so lauf ich ihm davon oder lasse mich scheiden.«

»Wenn er es wüßte!«

»Jetzt braucht er es nicht zu wissen; zu seiner Zeit wird er es schon erfahren. Dann werden ihm die Augen auf- und auch übergehen! Hast Du für heut Alles vorbereitet?«

»Natürlich! Was ich brauche, das habe ich mit. Du ziehst Männerkleidung an.«

»Das wird Criquolini auffallen.«

»O nein. Es wird ihn im Gegentheile sehr belustigen.«

»Wie aber wollen wir es ihm plausibel machen?«

»Dadurch, daß Du nicht wissen lassen willst, daß Du ihn des Abends besuchst. Das würde Deinem Rufe schaden. Darum hast Du Männerkleidung angelegt. Auf diese Weise spieltst Du die Tugendhafte und hast also doppelten Vortheil davon.«

»Gut. Ich will mich umkleiden. Dann gehen wir.«

Sie genirte sich nicht vor ihm. Er durfte beim Wechseln der Anzüge zugegen sein. Nach kurzer Zeit brachen sie auf. Der Zofe fiel es gar nicht auf, daß ihre Herrin in dieser Kleidung ausging, denn das geschah sehr oft. Die Tänzerin hatte ihr als Grund dafür angegeben, daß es bei der Art ihrer Theatertoilette vortheilhafter sei, wenn sie sich in Männertracht in die Proben und das Theater begebe.

Der Krikelanton lachte wirklich herzlich, als er die Geliebte als Mann erblickte; doch war ihm das ganz recht, da diese Kleidung ihre Formen mehr hervortreten ließ als die gewöhnliche Damentoilette.

Die Drei waren allein. Anton hatte weiter Niemand geladen.

Die Tänzerin entwickelte im Trinken eine Uebung und Ausdauer, welche Anton in das größte Erstaunen versetzte. Sein Staunen währte aber gar nicht lange, denn er wollte es ihr und dem Baron gleich thun und trank so schnell und viel, daß er bald betrunken war.


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Er bemerkte nicht, daß die beiden Andern von jetzt an nur noch nippten, während er sein Glas stets ganz leeren mußte. Und ebenso wenig bemerkte er, daß ihm bei Gelegenheit der Baron einige Tropfen aus einer kleinen Phiole in das Glas schüttete.

Es war wenig nach Mitternacht, als er die Besinnung so vollständig verloren hatte, daß er vom Stuhle fiel und nicht einmal mehr zu lallen vermochte. Er schloß die Augen und war wie todt.

»Das ist der Schlaftrunk,« lachte der Baron. »Er kann uns nun nicht beobachten.«

»Was thun wir mit ihm?« fragte Valeska. »Lassen wir ihn so liegen?«

»Nein. Wir ziehen ihn aus und legen ihn in das Bett. Da mag er schlafen.«

Die Tänzerin half, den Sänger zu entkleiden.

Als sie ihn in das Bett geschafft hatten, entfernten sie die Lampe aus dem Schlafzimmer, um im Dunkeln zu sein und also nicht gesehen oder gar beobachtet zu werden. Die Schlafstube lag nach dem Hof hinaus. Sie konnten über diesen und den angrenzenden hinweg blicken und die hintere Seite des Hauses der Mohrengasse sehen, in welcher Anton bis heute gewohnt hatte.

Da sahen sie Licht, sowohl in dem betreffenden Schlafzimmer des Parterres, als auch in demjenigen des ersten Stockes.

»Sie gehen Beide schlafen, zu gleicher Zeit, der Fex sowohl, als auch die Sängerin,« sagte Valeska. »Wir werden nicht lange warten müssen.«

»Eine Stunde immerhin. Wir müssen zu unserer Sicherheit annehmen, daß sie nicht so schnell einschlafen.«

»Aber wie nun, wenn sie Nachtlicht brennen?«

»Der Fex wohl schwerlich. Als armer Fährmann und Hungerleider ist er einen solchen Luxus nicht gewöhnt.«

»Aber die Ubertinka.«

»Die vielleicht eher. Aber wenn ich nach der Helligkeit der beiden Fenster schließe, so haben sie große Lampen brennen. Komm wieder heraus! Ich habe keine Lust, mich hierher zu stellen. Wir können ja von Zeit zu Zeit nachsehen und wollen noch ein Glas Wein trinken.«

Sie kehrten in das Wohnzimmer zurück. Dort setzten sie sich mit einander auf den Divan. Wäre der Krikelanton nicht so sinnlos betrunken gewesen, und hätte er die Beiden jetzt überrascht, so hätte er sehen können, daß er nicht der einzige Geliebte der Tänzerin sei.

Auch hier stand ein Schreibtisch. Der Sänger hatte vergessen, den Schlüssel abzuziehen. Das bemerkte der Baron. Er stand auf und schloß alle Fächer des Schreibtisches auf. Es gab da keinen extra zu verschließenden Kasten, und so kam es, daß der Suchende bald die Kasse Antons fand.

»Schau!« sagte er. »Hier steckt sein ganzes Vermögen. Sapperment! Wer es doch hätte!«

Valeska kam herbei und begann zu zählen. Ihre Augen funkelten vor Begier.


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»Das wird mein sein,« sagte sie. »Ich werde dafür sorgen, daß er mehr dazu verdient, und wenn ich dann genug zusammengerafft habe, so laß ich ihn sitzen. Schließ zu!«

Nur ungern wendeten die Beiden ihre Blicke von dem Schatze ab. Nach einiger Zeit begab sich der Baron wieder in die Schlafstube und meldete, als er zurückkehrte:

»Die Beiden schlafen. Die Fenster sind dunkel!«

»Das ist vortheilhaft. Aber nun fragt es sich, ob die Schlüssel passen. Schließen wir hier zu?«

»Natürlich nein. Wir müssen unserer eigenen Sicherheit wegen hier offen lassen, um uns schnell hier herein retten zu können, wenn der Streich mißglücken sollte. In diesem Falle würden wir verfolgt. Hast Du Deinen Dolch?«

»Ja. Du auch?«

»Das versteht sich. So ein Dolchmesser ist viel besser als ein Revolver. Es macht keinen Lärm und trifft das Herz viel leichter als eine Kugel. Hoffentlich schließt, wie das ja überall gebräuchlich ist, der Hausschlüssel auch die Hinterthür. Ich werde Alles herbeiholen.«

Er zog aus der Tasche seines Ueberrockes einige eingewickelte Gegenstände, welche er von ihren Hüllen befreite und dann zu sich steckte.

Die Beiden konnten das Alles in solcher Gemüthlichkeit vorbereiten, weil sie dafür gesorgt hatten, nicht gestört oder beobachtet zu werden. Um bei dem beabsichtigten Gelage allein zu sein, hatte der Sänger seinen Lakaien zu Bette geschickt, und da die Schlafstube des Letzteren im obersten Stocke lag und ihm überhaupt verboten worden war, vor Morgen herbeizukommen, so war eine Ueberraschung durch ihn gar nicht zu befürchten.

Als die Stunde vorüber war, brannte der Baron eine kleine Blendlaterne an und steckte sie dann wieder ein. Nun verließen sie das Local. Die Thür desselben machten sie hinter sich zu, aber ohne sie zu verschließen.

Zu ihrer Freude schloß der Hausschlüssel, den sie aus der Tasche des Sängers genommen hatten, die Hinterthür. So gelangten sie sehr leicht in den Hof. Dieser war durch eine nicht hohe Mauer von dem Hofe der Frau Salzmann getrennt. Sie überstiegen dieselbe.

Beide entwickelten dabei eine Gewandtheit, aus welcher zu schließen war, daß sie solche Uebungen schon oft unternommen hatten. Sie verursachten nicht das geringste Geräusch.

Jetzt nun begann ihre eigentliche Aufgabe.

»Warte!« flüsterte der Baron. »Ich will recognosciren.«

Er schlich sich an das Fenster, hinter welchem der Fex schlief. Nach kaum einer Minute kehrte er zurück und sagte:

»Das geht ja ganz vortrefflich! Er scheint es von früher her zu lieben, auch des Nachts frische Luft zu haben. Er schläft bei offenem Fenster.«

»Das ist ja fein. Aber nimm Dich in Acht! Hast Du das Chloroform?«

»Wie sollte ich das vergessen! Es ist ja die Hauptsache bei einem solchen Unternehmen. Also, jetzt!«


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Er kehrte mit ihr nach dem Fenster zurück. Nachdem er einige Zeit gelauscht hatte, flüsterte er:

»Er schläft sehr ruhig und wahrscheinlich auch sehr fest. Man hört sogar hier außen seine regelmäßigen Athemzüge. Also vorwärts! Es wird ja wohl gelingen.«

Er stieg hinein, mit der Sicherheit einer Katze, welche einen schlummernden Vogel beschleichen will und dabei die Krallen einzieht, damit ja kein Laut gehört werden könne.

Dann verging einige Zeit, beinahe eine Viertelstunde. Nachher erschien der Baron am Fenster.

»Komm!« flüsterte er herab.

»Ists gelungen?«

»Ja, vortrefflich.«

Er half ihr hinein. Sie bemerkte jenen Geruch, welcher eine Folge des Chloroformes ist. Er zog seine Blendlaterne heraus und ließ deren Schein auf das Bett fallen. Der Zipfel des Betttuches war heraufgeschlagen und bedeckte das Gesicht des Fex. Dieser war betäubt.

»Nun wollen wir suchen. Glücklicher Weise ist mir das ganze Möblement bekannt.«

Die Durchsuchung begann mit den Kleidern des Fex. Da fand sich ein recht gefülltes Portemonnaie. Der Baron steckte den Inhalt desselben zu sich, das Portemonnaie aber wieder in die Tasche des Bestohlenen zurück.

Nun begaben sie sich in die Wohnstube und traten sofort an den wohlbekannten Schreibtisch. Der Schlüssel steckte.

»Wie dumm der Kerl ist!« flüsterte der Baron. »Als ob es keine Diebe gebe! Ich denke mir, daß er die Papiere hier aufbewahrt haben wird, und werde wohl nicht lange zu suchen brauchen.«

Er hatte sich nicht geirrt. Er fand auch das geheime Fach, in welchem der Fex sein Geld aufbewahrt hatte, unverschlossen. Drin lag eine Brieftasche. Als er sie öffnete und den Inhalt erblickte, leuchtete sein Blick triumphirend auf.

»Sie sinds, die Documente, alle, alle!« sagte er, ein Papier nach dem andern betrachtend. »Die Fünfzigtausend sind verdient.«

Er steckte die Brieftasche ein und dazu eine bedeutende Summe, welche daneben lag.

»Hier sind wir fertig,« meinte er dann. »Nun nach oben zu der Ubertinka.«

»Das wird uns bedeutend schwieriger werden.«

»Pah! Wir haben ja Uebung.«

»Auch durch das Fenster?«

»Nein. Wir brauchten dazu eine Leiter.«

»Also durch die Vorsaalthür! Hast Du denn einen passenden Dietrich mit?«

»Versteht sich. Nichts ist leichter zu öffnen als ein Vorsaal. Das weißt Du ja so gut wie ich.«

»Wenn aber eine Sicherheitskette vorhanden ist, was dann?«


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»Die wird einfach abgeschraubt. Komm!«

Sie schlichen sich leise nach der ersten Etage.

Dort angelangt, zog der Baron seine Nachschlüssel hervor. Valeska mußte leuchten, und er versuchte, zu öffnen. Es gelang ihm über alles Erwarten schnell. Eine Sicherheitskette war nicht vorhanden. Sie huschten hinein und klinkten die Thür hinter sich leise ein.

»Halb gewonnen!« raunte der Baron seiner Gefährtin zu. »Komm nach rechts!«

Er zog sie nach der Thür, hinter welcher seiner Vermuthung nach die Zimmer der Sängerin liegen mußten. Diese Thür war nicht verschlossen. Sie wurde ohne Geräusch geöffnet und wieder zugemacht. Die Beiden befanden sich in Leni's kleinem Salon.

Der Baron ließ einen Blitz seiner Laterne leuchten. Er sah, daß die weiter führende Nebenthür zu war. Darum konnte er sich der Laterne mit mehr Sicherheit bedienen. Er beleuchtete das Zimmer. Auf einem Pfeilertischchen stand ein Kästchen. Es war mit einem stark vergoldeten Griff versehen, und der kleine, sonderbar geformte Schlüssel steckte an.

»Sollte dies die Diamantenschatulle sein?« fragte er. »Laß sehen.«

Er öffnete das Kästchen. Fast wäre ihm ein Schrei des Entzückens entfahren, denn die köstlichsten Steine blitzten ihm in herrlichster Fassung entgegen.

»Gefunden, gefunden!« sagte er. »Leichter konnte es uns nicht gemacht werden!«

Seine Hände zitterten vor Aufregung. Die Tänzerin riß, noch mehr entzückt als er, ein kostbares Armband an sich, ließ es im Lichte der Laterne funkeln und sagte beinahe laut:

»Das wird mein, Egon, mein, mein! Nicht?«

»Ja doch, ja! Aber schrei doch nicht so! Wir haben genug. Das ist ein Raub, wie wir noch keinen gehabt haben. Wollen uns beeilen, ihn in Sicherheit zu bringen. Komm schnell!«

»Halt, die Schatulle trage ich!«

Sie riß das Kästchen an sich. Er ließ es zu, da er seine Hände anderweit brauchte.

Nun begaben sie sich auf demselben Wege, den sie gekommen waren, wieder nach der unteren Wohnung. Dabei ließen sie oben die Vorsaalthür offen. Sie mit dem Dietrich von außen zu verschließen, hätte vielleicht Lärm verursachen können. Und jetzt war es ja ganz gleich, ob diese Thür offen gelassen wurde oder nicht.

Auch unten verschlossen sie die nach dem Flur führende Thür nicht wieder. Sie wollten sich keinen Augenblick länger als nöthig hier aufhalten. Sie schlüpften durch die Schlafstube des Fex und stiegen in den Hof. Nach kurzer Zeit befanden sie sich wieder in der Wohnung des Krickelanton.

»Das wäre gelungen, gelungen!« jauchzte der Baron.

»Leise, leise!« warnte die Tänzerin.


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»Pah! Wer soll uns hören? Der Kerl schläft ja fester wie eine Ratte. Laß uns das Geld zählen und die Diamanten betrachten!«

Es waren an die tausend Gulden, welche sie dem Fex gestohlen hatten. Die Schmuckgegenstände der Leni repräsentirten ein Vermögen. Die beiden Diebe befanden sich in einem wahren Freudentaumel. Valeska besonders war wie betrunken.

»Das Armband giebst Du mir gleich jetzt,« bat sie.

»Gern würde ich es thun; aber es geht nicht.«

»Warum?«

»Weil wir vorsichtig sein müssen. Euch Weibern ist nie zu trauen, besonders wenn es sich um Diamanten handelt.«

»Aber mir doch!«

»Auch nicht. Du könntest leicht einmal auf den dummen Gedanken kommen, das Armband anzulegen, und wenn es auch nur von Deiner Zofe zufällig gesehen würde, wäre Alles verrathen!«

»Auch diese bekommt es nicht zu sehen!«

»Wenn auch! Die Steine müssen ausgebrochen werden und eine neue Fassung erhalten. Und selbst dann darf man sie hier in Wien nicht tragen. Du sollst das Armband haben, aber nicht heut.«

»Und wer hebt die Diamanten auf?«

»Ich.«

»Warum nicht ich?«

Sie war fast zornig; das sah er ihr an.

»Valeska, mach keine Dummheit!« sagte er. »Wir haben so lange gute Freundschaft und Compagnie gehalten, daß es albern wäre, uns heut zu veruneinigen. Ich bin es stets gewesen, bei dem die Beute aufbewahrt worden ist. Warum soll es dieses Mal anders sein?«

»Weil Du die Diamanten ohne mich verkaufen könntest.«

»Es ist doch wahr! Wenn es sich um Edelsteine handelt, so werdet Ihr Weiber alle schwach!«

»Schwach?« meinte sie trotzig. »Das sollst Du mir nicht sagen. Behalte sie!«

Sie wendete sich von ihm ab. Er aber that, als ob gar nichts vorgefallen wäre, und begab sich nach dem Schlafzimmer des Sängers. Dieser lag noch immer ohne alle Besinnung da.

»Er wird erst morgen früh aufwachen,« sagte er dann, zurückkehrend. »Wir sind hier fertig. Laß uns gehen!«

Sie zogen ihre Ueberkleider an, löschten das Licht aus und verließen die Wohnung.

»Sollten wir nicht zuschließen?« fragte die Tänzerin.

»Nein. Dann müßten wir ja die Schlüssel zu uns nehmen und Anton könnte nicht heraus, wenn er erwacht.«

»Aber die Hausthür müssen wir zuschließen.«

»Auch nicht. Ich trage, wenn ich sie geöffnet habe, den Schlüssel wieder


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hinein. Wir sind nicht berechtigt, fremde Schlüssel mitzunehmen. Es könnte uns das leicht Unannehmlichkeiten bereiten.«

Sie fügte sich. Als sie dann das Haus verließen, sagte sie:

»Thu mir wenigstens den Gefallen und laß mir die Schatulle tragen!«

»Sonderbares Mädchen! Nun, da sie das Armband nicht sogleich bekommt, will sie es wenigstens tragen. Ihr Frauen seid wirklich ganz und gar unberechenbar!«

»Auch nicht mehr als Ihr. Am allerunberechenbarsten aber sind diese Diaman - - -«

»Pst! Still!« raunte er ihr erschrocken zu.

Valeska hatte nämlich, da die Straße völlig unbelebt war, nicht ganz leise gesprochen. Sie wollten eben um die Ecke biegen, da kamen zwei Männer von der andern Seite. Die vier Personen stießen beinahe zusammen.

Die beiden ihnen Begegnenden waren der Graf von Senftenberg und der Sepp. Der Erstere wollte den Letzteren nach Hause begleiten. Sie kamen aus dem Casino.

Grad an dieser Ecke brannte eine Gasflamme. Nur einen einzigen Moment hatten die beiden Letztgenannten den Baron und die Tänzerin erblickt. Der Erstere hatte vorsichtiger Weise den Rockkragen emporgeschlagen und den Hut tief ins Gesicht gezogen. Aber dennoch rief der alte Sepp:

»Baron, Sie! Woher kommen Sie noch so spät?«

Aber der Genannte schritt mit seiner Begleiterin eiligst weiter, ohne auf diese Anrede zu achten.

"Sapperment er war's doch!"

»Sapperment!« meinte der Alte. »Er wars doch!«

»Welcher Baron?« fragte der Graf.

»Von Stubbenau. Meinen Sie nicht?«

»Auch mir schien es so. Seine Gestalt war es. Aber ich denke, daß er Ihnen geantwortet hätte, wenn er es gewesen wäre.«

»Hm!« brummte der Alte, indem er sich den Bart bedenklich strich und den beiden Dahinschreitenden nachblickte. »Er könnte dreierlei Gründe haben, sich nicht zu erkennen zu geben.«

»Dreierlei? Wie Sie das gleich so genau wissen! Welche Gründe wären das?«

»Erstens weil Sie bei mir sind. Er ist doch mit Ihnen zerfallen; also muß es ihm unlieb sein, von mir angesprochen zu werden.«

»Mag sein.«

»Zweitens könnte er von irgend einem Streiche kommen und nicht beabsichtigen, erkannt zu werden. Ich traue ihm nicht.«

»Ich noch viel weniger.«

»Und Drittens könnte es sich um ein galantes Abenteuer handeln.«

»Meinen Sie? Warum denken Sie das?«

»Die Beiden sprachen mit einander. Haben Sie die letzten Worte gehört?«


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»Ja. Sprach der Andre nicht von Diamanten?«

»Ja, aber es war wohl kein 'Der Andere'.«

»Sie sprechen in Räthseln.«

»Es kommt mir viel eher vor, daß es eine 'Die Andere' gewesen ist.«

»Ah! Ein Frauenzimmer?«

»Ja. Ich lasse mich fressen, wenn das nicht eine Frauenstimme war.«

»Ich habe freilich nicht auf diesen Umstand geachtet, besinne mich aber doch, daß es eine sehr hohe Stimmlage war.«

»Ja, Diskant.«

»Es giebt auch Männer, deren Stimme sehr hoch liegt.«

»Aber es klingt dennoch männlich. Ich habe es ganz deutlich gesehen, daß diese Person einen Zopf hatte, ein Schwalbennest auf dem Hinterkopfe.«

»Da haben Sie sehr scharfe Augen.«

»Die habe ich allerdings, trotz meines Alters. Und die Gestalt! Das war eine verkappte Frau oder ein Mädchen.«

»Nun, wenn Sie Recht hätten, so wäre es doch nichts Auffälliges, grad jetzt zur Zeit der Karnevalsscherze.«

»Das ist richtig. Aber weil er keine Antwort gab und so eilig davon stieg, scheint mir die Sache nicht in Ordnung zu sein. Doch, lassen wir sie laufen; sie gehen uns ja nichts an!«

Sie bogen um die Ecke und gingen weiter, eine kurze Strecke wortlos; dann sagte der Graf, indem er den Schritt einzog:

»Sonderbar! Da Sie von dem Barone sprechen, kommt mir ein Gedanke. Ich habe heut nämlich ein Gespräch belauscht, ohne aber den einen Sprechenden sehen zu können. Seine Stimme klang mir bekannt, doch gab es an dem betreffenden Orte eine so eigene Resonanz, daß die Töne undeutlich wurden. Jetzt nun möchte ich behaupten, daß der Baron es gewesen sei.«

»So. Wann war das?«

»Es kann wohl gegen drei Uhr gewesen sein.«

»Ah, Sapperment! Wo?«

»Im Augarten.«

»Das stimmt, stimmt.«

»Wieso? Was stimmt?«

»Der Baron ist im Augarten gewesen.«

»Wirklich? Woher wissen Sie das?«

»Er hat es mir selbst gesagt.«

»So! Dann ist er es nicht gewesen, den ich meine, denn da hätte er es Ihnen nicht eingestanden, dort gewesen zu sein.«

»Eingestanden? Er konnte ja gar nicht anders. Ich traf ihn ja in der Kaiser-Josef-Straße und mußte also sehen, daß er aus dem Augarten kam. Ich hatte meine Leni und ihre Wirthin dorthin begleitet.«

»Diese traf ich dann. Ah! Also ist er es gewesen, er!«

»Ja. Aber Sie sagen das in einem so eigenthümlichen Tone! Ists etwas Besonderes?«


// 2253 //

»Ja. Es handelt sich etwa um ein Verbrechen.«

»Donnerwetter!«

»Ja, um einen Einbruch. Es sollen Papiere gestohlen werden.«

Da fragte der Sepp sehr rasch:

»Handelt es sich etwa um eine Erbschaft?«

»Ja. Wie aber kommen Sie auf diese Frage?«

»Weil ich weiß, daß der Baron so Etwas vor hat.«

»Woher wissen Sie es?«

»Hm! Ich habe den Kerl schon längst beobachtet und warte längst auf die Gelegenheit, ihm auf die Hände klopfen zu können.«

»Sonderbares Zusammentreffen! Es muß sich um bayrische Verhältnisse oder Personen handeln; daher ist es wohl möglich, daß Sie zufälliger Weise - - doch nein, wie sollten Sie mit einem Fex - - -«

»Fex!« rief der Alte. »Was ist mit ihm?«

»Es handelt sich um eine Person, welche nicht anders als Fex genannt wurde.«

»Himmelsakkerment! Jetzt haben wir den Sack offen. Was will man mit ihm?«

»Ihm gewisse Papiere stehlen, die er immer bei sich trägt. Die Abschriften davon liegen bei gewissen Acten.«

»Das stimmt, das stimmt. Graf, wir sind da im Begriffe, einem Verbrechen auf die Spur zu kommen, welches mich mehr angeht als Sie denken.«

»Sie? Wieso, Herr Hauptmann?«

»Der Fex ist ein sehr guter Freund oder vielmehr ein Schützling von mir.«

»Wirklich? So freut es mich von ganzem Herzen, Ihnen eine so wichtige Mittheilung machen zu können.«

»Er befindet sich sogar jetzt hier in Wien und wohnt in dem Logis, welches der Criquolini bisher inne hatte.«

»Also unter Signora Ubertinka?«

»Ja.«

Sie standen noch immer auf derselben Stelle, an welcher sie diese Unterredung begonnen hatten. Das Gespräch wurde sehr lebhaft geführt. Fragen und Antworten folgten sich in aller Eile.

»Wissen Sie, wohin der Criquolini gezogen ist?« fragte der Graf mit Spannung.

»Ja. In die Circusgasse, in welcher wir uns eben jetzt befinden.«

»Alle Teufel! So ist er schon geschehen!«

»Wer?«

»Der Einbruch!«

»Nicht möglich!«

»Ja. Haben Sie nicht gesehen, daß der Begleiter oder die Begleiterin des Barons Etwas in der Hand trug?«

»Ein Kästchen.«


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»Bewahrt Ihr Freund, den Sie Fex nennen, etwa die betreffenden Papiere in einem solchen Kästchen auf?«

»Nein. Er hat gar keine solche Schatulle.«

»Dann fühle ich mich in Etwas beruhigt, aber doch nicht ganz und vollständig. Wir sind diesen ganzen Abend beisammen gewesen und haben uns so gut unterhalten, daß ich gar nicht an Anderes gedacht habe. Wäre mir das belauschte Gespräch eingefallen, so hätte ich es vielleicht Ihnen gegenüber erwähnt, und es wäre noch Zeit gewesen, die That zu verhüten.«

»Hoffentlich ist sie noch gar nicht geschehen!«

»Das sollte mich freuen. Der Einbruch soll nämlich von der Wohnung eines Sängers aus stattfinden.«

»Das wäre Criquolini?«

»Ja. Derjenige, welcher diesen Plan entwickelte, nannte einen Sänger seinen Freund, welcher gegen den Fex so wohnt, daß die Höfe der beiden betreffenden Häuser an einander stoßen und man also leicht aus dem einen Hause in das andere kommen kann.«

»Alle Wetter! Das könnte auch stimmen!«

»Der Sänger soll so betrunken gemacht werden, daß er den Verstand verliert. Dann kann der Einbrecher von seiner Wohnung aus ungehindert operiren.«

»Ists so, ists so? Dann schnell, Graf, wollen wir nachschauen. Der Criquolini, dieser Sänger, wohnt hier in der Straße, aus welcher zwei verdächtige Kerls kommen, deren einer höchst wahrscheinlich der Baron von Stubbenau ist. Das ist freilich verdächtig. Der Baron wollte mich dem Sänger vorstellen. Er hat mir seine neue Wohnung genannt. Ich weiß die Nummer ganz genau. Lassen Sie uns nachsehen.«

Sie eilten die Straße hinab, bis sie an die betreffende Hausnummer gelangten. Da blieb der Alte stehen, maß die Länge der Gasse und den Punkt derselben, den das Haus einnahm, mit dem Auge ab und sagte:

»Es ist mir wahrscheinlich, daß der Hof der Frau Salzmann mit diesem Hause und dessen Hof zusammenstößt. Ich habe große Lust, Lärm zu machen!«

»Vielleicht unnöthiger Weise. Die Bewohner schlafen alle, denn sämmtliche Fenster sind dunkel. Wo wohnt Criquolini?«

»Erste Etage links. Wenn man nur einmal - - ah, es ist ja offen!«

Er hatte, während er sprach, die Hand an den Drücker der Hausthür gelegt. Dieser gab nach, und die Thür ging auf. Beide waren über diesen Umstand hoch erfreut.

»Prächtig!« meinte der Sepp. »Kein Mensch konnte erwarten, daß die Thür unverschlossen sei. Was meinen Sie? Gehen wir hinein?«

»Natürlich! Wir müssen unbedingt nachsehen, was geschehen ist.«

Sie traten in den Flur und machten hinter sich die Thüre wieder zu. Sepp zog Zündhölzer hervor und brannte einige derselben an, um sich besser orientiren zu können. Er sah die beiden Thüren, welche rechts und links in


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die betreffenden Wohnungen führten, und klinkte an der letzteren. Sie ging auf, und er blickte in einen dunkeln Raum.

»Diese Wohnung ist offen,« flüsterte er. »Es riecht nach Wein und Tabak. Wir befinden uns wohl an der richtigen Stelle. Treten wir ein!«

Sie gingen hinein und machten natürlich auch diese Thür hinter sich zu. Beim Scheine eines Hölzchens sahen sie die Lampe auf dem Tische stehen. Der Sepp brannte sie an, und nun blickten sie sich in dem Logis um.

Die zur Schlafstube führende Thür stand offen. Ein tiefes, stöhnendes Schnarchen ließ sich hören. - Sie gingen hinaus und leuchteten den Schläfer an.

»Criquolini!« sagte der Graf. »Jetzt ist es sicher, daß meine Ahnung richtig war. Er ist der Sänger, von dessen Wohnung aus die That unternommen werden sollte. Beeilen wir uns, uns Gewißheit zu verschaffen!«

»Wecken wir ihn!«

Sie riefen den Sänger beim Namen, doch vergebens. Sepp faßte ihn am Arme und rüttelte ihn, dieses hatte aber nur den Erfolg, daß Anton ein tiefes Stöhnen hören ließ.

»Er ist sinnlos betrunken,« sagte der Graf. »Lassen wir ihn. Er kann uns nichts nützen. Wir müssen in den Hof und von da aus in den andern hinüber.«

»So sind wir gezwungen, hier zum Fenster hinaus zu steigen.«

»Vielleicht nicht. Es steht zu erwarten, daß die Diebe auch die Hofthüre offen gelassen haben. Uebrigens habe ich einen Schlüssel auf dem Tische liegen gesehen. Wahrscheinlich ists der Hausschlüssel, welcher auch die Hinterthür schließen wird.«

Auf dem Nachttische stand ein Leuchter mit einer Kerze. Sepp nahm die Letztere an sich, um nöthigenfalls ein Licht zu haben. Dann begaben sie sich hinaus in den Hof und stiegen über die Mauer desselben in denjenigen des anstoßenden Grundstückes.

»Wir sind hier richtig,« meinte der Alte, nachdem er einen forschenden Blick um sich geworfen hatte. »Das ist wirklich das Haus der Frau Salzmann. Und, schauen Sie, da steht das Fenster offen. Wir müssen hinein.«

Er trat an das Fenster heran und rief einige Male hinein, doch ohne eine Antwort zu erhalten.

»Da drin wohnt der Fex,« sagte der Sepp. »Er antwortet nicht. Entweder ist er gar nicht daheim oder es ist ihm Etwas geschehen.«

»Um Gottes willen! Man wird ihn doch nicht gar ermordet haben!«

»Auch mir ist es angst.«

Sie stiegen durch das Fenster ein und lauschten. Es war nichts zu hören, auch nicht das Geräusch eines leisen Athmens. Aber der Geruch des Chloroforms war deutlich vernehmbar.

»Riechen Sie Etwas?« fragte der Graf.

»Ja; es ist Etwas, was ich nicht kenne.«


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»Aber ich kenne es. So riecht nur Chloroform. Man hat ihn wohl betäubt. Brennen Sie doch schnell die Kerze an!«

Das geschah, und nun sahen sie den Fex regungslos im Bette liegen. Sie untersuchten ihn und fanden zu ihrer Beruhigung weder eine Wunde noch sonst ein Zeichen, daß irgend eine Gewaltthätigkeit mit ihm vorgenommen worden sei. Das Herz bewegte sich.

»Gott sei Dank!« sagte der Sepp tief aufathmend. »Er lebt. Er ist nur betäubt worden. Wollen schauen, ob wir ihn aufwecken können.«

Diese Bemühung war vergebens. Er erwachte nicht. Aber als der Alte ihn einige Male beim Namen rief, antwortete er wie im Traume, indem er unverständliche Laute ausstieß.

»Lassen wir ihn,« sagte der Graf. »Wenn die Narkose vorüber ist, erwacht er ganz von selbst. Sehen wir lieber nach, ob wir Spuren des Einbruches bemerken.«

Sie traten in das Wohnzimmer und brannten die auf dem Tische stehende Petroleumlampe an. Es war keine Unordnung in der Wohnung zu erkennen. Der Schlüssel des Schreibtisches steckte. Sie zogen den Kasten auf und untersuchten auch die übrigen Fächer. Auch hier war keine Spur von Unordnung zu bemerken. Sie wußten nicht, was sich in den Behältnissen befunden hatte, und konnten also auch nicht sagen, ob Etwas fehle oder nicht.

Da kam dem Sepp der Gedanke, die Kleidertaschen des Fex zu untersuchen. Sie fanden in denselben nicht Papiere wie diejenigen, auf welche der Dieb es abgesehen hatte. Das Geldtäschchen, welches in der Hose steckte, war leer.

»Ah,« meinte der Sepp, »das ist ausgeräumt worden. Der Fex steckt kein leeres Portemonnaie ein. Das ist gewiß.«

»Die Hauptsache ist, zu erfahren, ob die Diebe die betreffenden Papiere gefunden haben.«

»Das können wir nur von Dem da erfahren. Und weil er bewußtlos ist, müssen wir also warten, bis er wieder zu sich kommt.«

»Wäre es nicht gerathen, die Wirthin zu wecken?«

»Ja, das müssen wir thun. Gehen wir hinauf!«

Sie fanden zu ihrer Verwunderung die aus dem Vorzimmer nach dem Flur führende Thür unverschlossen; geradezu betroffen aber fühlten sie sich, als sie die zur Wohnung der Wirthin führende Vorsaalthür auch offen stehen sahen.

»Da ist auch hier Etwas nicht richtig,« sagte der Sepp. »Kein Mensch läßt des Nachts die Thür offen. Das kommt mir verdächtig vor.«

»Mir auch. Sollten sie auch hier oben gewesen sein?«

»Das ist möglich und sogar wahrscheinlich. Wir wollen klingeln.«

Sie hatten natürlich die Lampe mit heraufgenommen. Als die Glocke ertönte, regte es sich in verschiedenen Zimmern. Mitten in der Nacht Jemand an der Vorsaalthür, das war natürlich etwas ganz Ungewöhnliches. Nach wenigen Augenblicken erschien das Dienstmädchen, welches beim Anblicke zweier


Ende der vierundneunzigsten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Der Weg zum Glück

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