Lieferung 95

Karl May

19. Mai 1888

Der Weg zum Glück.

Vom Verfasser des »Waldröschen«, »Verlorner Sohn«, »Deutsche Helden« etc.


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fremder Männer, die sich nicht vor der Thür, sondern hier im Vorsaale befanden, vor Schreck laut aufschrie.

»Fürchten Sie sich nicht,« sagte der Graf. »Wir kommen in guter Absicht. Ihre Vorsaalthür stand offen. Haben Sie dieselbe vor dem Schlafengehen nicht verschlossen?«

»Ich habe sie verschlossen; das weiß ich gewiß.«

»So ist sie von Personen geöffnet worden, welche kein Recht dazu haben. Wecken Sie Frau Salzmann. Wir haben mit ihr zu reden.«

»Ich komme gleich!« ertönte es hinter einer nahen Thür.

Das war die Stimme der Wirthin, welche die Worte gehört hatte. Sie kam nach kurzer Zeit heraus, voller Besorgniß, was dieser späte Besuch zu bedeuten habe.

»Sie, Graf, und Sie, Herr Hauptmann?« rief sie aus, als sie die Beiden erblickte. »Gott sei Dank! Da Sie es sind, haben wir nichts zu befürchten. Ich dachte fast - -«

»Sie würden von Räubern überfallen?« fiel der Graf lächelnd ein. »Nein, das sind wir nicht. Aber eine unangenehme Nachricht bringen wir Ihnen doch.«

»Was ist geschehen? Wie sind Sie denn in das Haus gekommen?«

»Wir sind durch das Fenster eingestiegen.«

»Eingestiegen? Mein Gott! Ists wahr?«

»Ja. Erschrecken Sie nicht! Sie haben jetzt nichts mehr zu befürchten. Es sind Diebe in Ihrem Hause gewesen.«

Sie erschrak trotz seiner Warnung.

»Diebe!« rief sie aus. »Hilf Himmel! Sind sie etwa noch hier?«

»Nein, sie sind fort. Wir haben es ganz zufälliger Weise entdeckt und sind durch dasselbe Fenster wie diese eingestiegen, um Sie zu wecken.«

»Wo sind sie denn gewesen? Hier bei mir?«

»Zunächst unten im Parterre bei Ihrem neuen Miethsmanne. Und da wir hier Ihre Vorsaalthür offen fanden, so steht zu vermuthen, daß sie auch bei Ihnen gewesen sind.«

»Die Thür war offen? Ich habe mich selbst überzeugt, daß sie verschlossen war.«

»So ist sie mit einem Nachschlüssel geöffnet worden. Bitte, nachzusehen, ob Ihnen Etwas fehlt!«

»Gleich, gleich! Treten Sie doch ein!«

Sie führte die Beiden in den Salon und entfernte sich, um Nachforschung zu halten. Sie fand, daß ihr nicht das Mindeste fehle, und brachte, als sie zurückkehrte, die Leni mit.

Diese war natürlich ebenso, wie die Andern, durch die Klingel aufgeweckt worden. Sie hatte ein leichtes Negligé übergeworfen und sah in demselben entzückend aus.

Sie war natürlich ebenso erschreckt und betroffen wie die Wirthin. Sie


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begrüßte den Sepp, der sie hier noch nicht besucht hatte, und reichte auch dem Grafen die Hand. Dieser fragte sie:

»Haben auch Sie nachgesehen, ob Ihnen vielleicht Etwas fehlt, mein Fräulein?«

»Noch nicht. Ich bin so sehr überrascht, daß ich versäumt habe, es zu thun.«

»So bitte, holen Sie es nach! Hoffentlich haben Sie etwaige Werthsachen gut aufgehoben.«

»Meine Diamanten befinden sich drin im Wohnzimmer.«

»Doch verschlossen?«

»Nein. Das Kästchen steht auf dem Tische.«

»Wie unvorsichtig! Ein Kästchen also? Hm! Der eine der Kerls trug so Etwas in der Hand. Beeilen Sie sich! Sehen Sie augenblicklich nach!«

Sie begaben sich alle nach Leni's Wohnstube. Als der Blick der Sängerin dahin fiel, wo das Kästchen gestanden hatte, stieß sie einen Schrei des Schreckens aus.

»Fort, fort!« rief sie. »Sie sind verschwunden!«

»Donnerwetter!« fluchte der Sepp. »Wo hast sie denn stehen habt?«

»Dort,« antwortete sie, mit der Hand nach der betreffenden Stelle deutend.

»Alle tausend Donnerwetter! Die Hallunken soll gleich dera Deixel holen! Meiner Leni die Diamanten zu stehlen.«

Er vergaß in seinem Zorne ganz die Rolle, welche er als Hauptmann zu spielen hatte, und fiel in seinen heimathlichen Dialect zurück.

»Herrgott im Himmel!« rief die Wirthin. »Ihr Schmuck ist gestohlen! Daß so Etwas in meinem Hause geschehen muß. Wir müssen augenblicklich nach der Polizei schicken!«

»Halt, nicht so schnell!« meinte der Sepp. »Damit hats glücklicher Weise noch Zeit.«

»Nein, nein! Das muß gleich geschehen!«

»Wartens nur! Wir kennen ja den Dieb. Er wird uns nicht entgehen. Dera Schmuck wird ganz sicher wiederschafft.«

»Wie? Sie kennen den Dieb? Wer ists denn?«

»Kein Anderer als dera Herr Baronen von Stubbenau.«

»Der so oft den Sänger Criquolini besuchte?«

»Ja, ganz derselbige.«

»Der, also der! Ich habe ihn doch stets für einen bösen Menschen gehalten.«

»Da habens sich nicht täuscht, und er ist - - -«

Er hielt mitten in der Rede inne. Die Thür war aufgegangen und das Stubenmädchen trat ein. Sein Blick fiel auf sie.

»Was - was - was - wer ist denn das!« rief er aus.

Martha war ebenso erstaunt wie er.


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»Sepp, Sepp, der Wurzelsepp!« sagte sie, vor Verwunderung die Hände zusammenschlagend.

»Die Martha, die Silbermartha!« antwortete er. »Wer hat das denken konnt! Nein, wie mich das gefreut! Was treibst denn da hier?«

»In Dienst steh ich hier bei dera Frau Salzmann.«

»In Dienst! Die Silbermartha steht in Dienst! Das ist rechtschaffen, brav von Dir. Da muß ich Dir sogleich meine Hand geben.«

Er ergriff ihre Hand und schüttelte dieselbe mit aufrichtiger Herzlichkeit.

Der Graf machte ein sehr erstauntes Gesicht. Sein Auge ruhte mit dem Ausdrucke der größten Ueberraschung auf dem Alten.

»Was höre ich da für einen Namen!« sagte er. »Sie wurden soeben der Wurzelsepp genannt?«

»Ja!« antwortete der Alte, indem er sich verdrießlich hinter dem Ohre kratzte. »Da hat das Dirndl nun den ganzen Kram verrathen!«

»Der Wurzelsepp sind Sie, der Wurzelsepp!«

»Kennens denn diesen Namen?«

»Sehr gut sogar. Ich habe viel von Ihnen gehört. Also sind Sie gar nicht Offizier?«

»Offizier? Das fallt keinem Menschen ein! Jetzt könnt ich nun gleich dem Mond eine Maulschellen geben, daß mein Incognitero zum Deixel ist. Ich hab den Hauptmann gar so gut spielt, daß es wirklich jammerschade um denselbigen ist.«

»Ah, ich errathe!« nickte der Graf.

»So? Was derrathens denn?«

»Sie befinden sich in irgend einer geheimen Mission hier in Wien. Nicht wahr?«

»Wie meinens? In einer geheimen Mission? Ist denn dera Wurzelsepp ein Kerlen, den man zu so was gebrauchen kann?«

»Jawohl. Ich habe genug von Ihnen gehört, um zu wissen, daß Sie der Mann dazu sind.«

»Schön! Das gefreut mich sehr. Das ist mir lieb, daß Sie so eine gute Meinungen von mir haben. Darum hoffe ich auch, daß Sie mich jetzunder noch ein kleines Weilchen als Hauptmann gelten lassen. Ich bin mit Dem, was ich hier zu thun hab, noch nicht ganz fertig.«

Der Graf nickte, gab ihm die Hand und antwortete:

»Das versteht sich ganz von selbst, mein lieber Hauptmann. Ich werde wohl der Allerletzte sein, der Ihnen irgend welches Hinderniß bereiten möchte. Für mich sind Sie Der, als der Sie mir vorgestellt worden sind. Und dabei bleibt es so lange, bis Sie selbst eine Aenderung herbeiführen werden.«

»Gut! Das beruhigt mich. Und auch die Anderen mögen mich einstweilen noch Hauptmann nennen. Daß ich die Martha hier troffen hab, das ist mir außerordentlich lieb. Warum bist denn eigentlich von Daheim ausgerissen?«


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»Konnte ich denn anders?« fragte das Mädchen, an welches diese Frage gerichtet war.

»Ja, hättst gar wohl anders konnt.«

»Nein. Wenn ich geblieben wäre, hätte ich entweder als die Feindin meines Vaters und Bruders auftreten oder ihre Mitschuldige werden müssen. Eine andere Wahl wäre mir ja gar nicht geblieben.«

»O doch! Hättest Dich an mich wenden können. Da wäre Dir sogleich die Weisung worden, wie Du Dich verhalten solltest. Du hättest dann nicht in Dienst zu gehen braucht.«

»O, daß ich das than hab, das schadet nix, gar nix. Meine liebe Frau Salzmann ist so gut mit mir, daß ich es gar nicht fühle, daß ich ein Dienstboten bin.«

»Das ist sehr gut; aber Du mußt auch daran denken, daß es Personen giebt, denen Du mit Deinem Verschwinden wehe than hast.«

»Solche Leut giebts wohl nicht!«

»Meinst? Denkst etwan, daß ich nicht mehr ein guter Freund von Dir bin?«

»Ja Du! Aber Du bist auch der Einzige.«

»Nein. Da hast ganz Denjenigen vergessen, der die Hauptperson dabei ist. Oder solltest Du Dich nicht gern an den Schulmeister erinnern?«

»An den? Geh weg! Der hat halt nix mehr von mir wissen wollen.«

»Da kannst Dich irren. Grad Derjenige ist durch Dein plötzliches Verschwinden am allermeisten troffen worden.«

»Das denkst halt nur!«

»Nein, sondern ich weiß es genau.«

»Hat er es sagt?«

»Nein. Dazu ist er zu stolz. Er ist ganz still gewest.«

»Nun, da hasts! Wir sind in Unfrieden aus nander gangen.«

»So? Wer war denn schuld daran?«

»Ich selbst. Ich bin die Stolze und die Hochmüthige gewest, und nun hab ich die Folgen zu tragen. Mir geschieht mein Recht!«

»Wannst so sehr in Dich gangen bist, so kannst noch mal glücklich werden. Ich denk, daßt nicht für immer hier in Wien bleiben willst.«

»Ich bleibe hier,« antwortete sie in traurigem Tone. »In die Heimath kann ich nie zurück.«

»Das darfst nicht meinen. Du bist brav gewest und hast Dir niemals nix zu schulden kommen lassen. Was die Deinigen than haben, das geht doch Dich nix an; dafür kannst nicht verantwortlich macht werden. Und übrigens ists auch kein Muß, daßt grad in die Heimath gehst, wannst hier nicht bleiben willst. Man kann auch anderswo glücklich werden. Davon aber wollen wir jetzt nicht sprechen. Wir haben noch Anderes zu thun, was für den Augenblick wichtiger ist. Wir müssen wieder hinuntersehen nach dem Fex, ob er nun die Besinnung wieder erlangt hat.«

»Was ist mit dem Fex?« fragte die Leni erschrocken.


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»Nun, ihm hat eigentlich der Einbruch gegolten. Bei ihm sind die Diebe einstiegen und haben ihm Chloroform zu riechen geben.«

»Herrgott! Da müssen wir hinab, schnell, schnell!«

Sie griff zur Lampe und eilte fort. Die Andern folgten. Die Frauen befanden sich natürlich in großer Aufregung. Leni vergaß ihre gestohlenen Schmucksachen. Die Besorgniß um den Freund war in diesem Augenblick größer als die Angst um das ihr geraubte Gut.

Als sie in seine Wohnung kamen, sahen sie ihn auf dem Rande seines Bettes sitzen. Er hatte sich mühsam angezogen und hielt den Kopf in den beiden Händen. Er sah verwundert auf. Sein Blick war ganz verstört.

»Sepp, Du!« sagte er. »Was machst in dera Nacht hier in dem fremden Haus?«

»Dich will ich besuchen,« antwortete der Alte.

»Du hast eine sonderbare Zeit gewählt.«

»O, es hat noch Andre geben, die trotz der ungelegenen Zeit bei Dir gewest sind.«

»Bei mir? Wer soll das sein?«

»So hast noch nix bemerkt?«

»Gar nix. Was soll ich bemerkt haben? Ich bin aus dem Schlaf erwacht. Mein Kopf ist mir noch schwerer als ein Zentner, und es ist mir so übel, als ob ich sterben sollt. Da bin ich aufstanden und hab mich ankleidet. Ich wollt in dera Stuben umhergehen, aber die Glieder sind mir wie zerschlagen. Fast möcht ich denken, daß Etwas mit mir geschehen ist.«

»Da hast freilich ganz den richtigen Gedanken. Du bist chloroformirt worden.«

»Chloro - - -«

Er verschluckte vor Verwunderung das Ende des Wortes und blickte fragend zu dem Alten auf. Sein Kopf war ihm so eingenommen, daß ihm das Denken schwer wurde. Er sah zwar die anderen Personen, welche mit dem Sepp gekommen waren, aber er hatte sich noch nicht gefragt, was die Anwesenheit derselben zu bedeuten habe.

Jetzt aber begann er zu ahnen, daß Etwas geschehen sein müsse. Er fügte hinzu:

»Chloroformirt? Ich? Wieso? Von wem?«

»Von denen Dieben, die hier bei Dir einstiegen sind. Hast denn wirklich ganz und gar nichts davon merkt?«

»Nein, gar nix,« antwortete er, noch immer wie im Traume. »Diebe sollen hier gewesen sein?«

»Ja, bestohlen bist worden.«

»Ich - ich - ich bestohlen worden? Was könnten Diebe bei mir suchen wollen?«

»Dein Geld natürlich und wohl auch die Schriften, die Du im Prozesse brauchst. Hast Du sie hier bei Dir?«

Der Fex starrte den Sprecher noch einige Augenblicke verständnißlos an;


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dann aber wurde ihm klar, was dieser meinte. Er fuhr von dem Rande des Bettes auf und eilte in die Wohnstube. Dort schloß er den Schreibtisch auf und sah in das betreffende Fach.

»Fort!« rief er erschrocken.

»Also wirklich!« sagte der Sepp. »Was ist's denn, was sie mitgenommen haben?«

»Mein ganzes Geld und auch die Schriften.«

»Habs mir denkt! Sie haben einen sehr guten Fang gemacht. Die Schriften, das Geldl und auch dera Leni ihren Schmuck!«

»Aber, um Gotteswillen, Sepp, sage mir, wie das geschehen ist!«

Auf diese Frage antwortete der Graf. Er erzählte, was er in jenem Parkhäuschen erlauscht hatte, und wie dann Alles nach einander gekommen war. Was er noch nicht wußte, das wurde jetzt ergänzt, so daß am Schlusse seines Berichtes die Zuhörer sich vollständig im Klaren befanden.

Auf den Fex machte die Erzählung den Eindruck, daß er die Folgen des Chloroformes gar nicht mehr verspürte. Sein Kopf war plötzlich frei geworden und das Gehirn trat wieder in die gewöhnlichen Functionen.

»Also auf meine Papiere war es abgesehen,« sagte er. »Und dabei haben sich die Spitzbuben noch außerdem bereichert! Wir müssen den sogenannten Baron von Stubbenau natürlich sofort verhaften lassen.«

»Davon möchte ich abrathen,« meinte der Graf.

»Warum?«

»Um Ihres Prozesses willen. Es ist besser, dafür zu sorgen, dem Baron von Gulijan beweisen zu können, daß er der Anstifter des Einbruches sei. Wir dürfen also dem Diebe nichts in den Weg legen, bis er die Papiere dem Baron übergeben und dafür das Geld empfangen hat.«

»Inzwischen aber kann Manches passiren, was außer unserer Berechnung liegt!«

»O, Ihre Papiere sind Ihnen sicher und gewiß. Ebenso bin ich überzeugt, daß der Schmuck und das geraubte Geld unverloren ist. Wir werden die Sache allerdings sofort anzeigen, aber von einer Verhaftung sehen wir einstweilen ab. Es genügt, wenn wir den Dieb bis früh beobachten lassen, so, daß er nichts von dem Raube zu veräußern vermag.«

Diese Ansicht erhielt die Zustimmung der Anderen, und nach einigem Hin- und Herreden wurde beschlossen, daß der Graf, der Sepp und der Fex nach der Polizei gehen sollten, um die Anzeige zu erstatten.

»Aber hier muß Alles bleiben, wie es ist,« meinte der Graf. »Die Polizei hat natürlich aufzunehmen, in welcher Weise der Einbruch ausgeführt worden ist.«

Eigentlich war die Wirthin mit der Entfernung der drei Männer nicht einverstanden. Sie fürchtete sich. Erst als sie erfuhr, daß in kurzer Zeit die Polizei hier sein werde, gab sie sich zufrieden.

Nachdem Leni den Zusammenhang von Allem erfahren hatte, befand sie


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sich nicht mehr in Sorge um ihren Schmuck; sie war überzeugt, daß sie denselben wieder zurückerhalten werde.

Die Drei begaben sich nach der nächsten Polizeistation. Als der Wachthabende dort erfuhr, um was es sich handele, hielt er sich nicht für befugt, die Verantwortung allein auf sich zu nehmen. Er telegraphirte der Polizeidirection am Schottenring, und es dauerte auch wirklich nur wenige Minuten, bis ein Oberbeamter angefahren kam, der sich Alles erzählen ließ.

Sein Gesicht wurde desto gespannter, je weiter der Bericht vorschritt. Er nickte mehrere Male still vor sich hin. Als die Erzählung beendet war, fragte er den Grafen:

»Also Sie sind wirklich überzeugt, daß jener Baron von Stubbenau der Dieb ist?«

»Vollständig!«

»Und daß es aber zwei gewesen sind?«

»Ja.«

»Haben Sie keine Ahnung, wer der Zweite war?«

»Nein. Die Gestalt schien mir aber keine männliche zu sein.«

»Hm! Und von der Wohnung des Sängers aus ist der Einbruch geschehen? Ihn hat man so betrunken gemacht, daß er besinnungslos geworden ist? Sonderbar! Es kommt mir da ein Gedanke. Hat vielleicht einer der Herren von einer Geliebten gehört, welche der Sänger Criquolini hat?«

»Ja,« antwortete der Sepp. »Der sogenannte Baron von Stubbenau hat mir mitgetheilt, daß Criquolini eine Tänzerin liebt.«

»Kennen Sie vielleicht den Namen derselben?«

»Gehört habe ich ihn, mir denselben aber leider nicht gemerkt.«

»War es ein deutscher Name?«

»Nein.«

»Also ein fremder. Sie soll doch nicht etwa Valeska heißen?«

»Valeska! Ja, ja, so war es, so heißt sie. Jetzt fällt es mir ein.«

»Ah, meine Ahnung! Diese Valeska ist nämlich die Geliebte des Herrn von Stubbenau. Ich kenne diesen Herrn so leidlich. Er ist meiner besonderen und persönlichen Aufsicht unterstellt, natürlich aber ohne Etwas davon zu ahnen. Aus diesem Grunde habe ich mich sehr eingehend mit ihm beschäftigt. Er ist ein falscher Spieler und treibt wohl auch noch Schlimmeres, ohne daß ich ihn aber zu atrappiren vermochte. Er ist ein ungemein schlauer Kerl und ich habe immer geahnt, daß er die hübsche und zügellose Tänzerin als Lockvogel benutzt. Sollte etwa gar sie es gewesen sein, welche bei ihm war?«

Weder der Sepp noch der Graf konnten diese Frage beantworten. Darum sagte der Polizist:

»Jedenfalls werde ich von Criquolini erfahren, wer bei ihm gewesen ist.«

»Aber bitte, da vorsichtig zu sein!« sagte der Graf. »Der Sänger könnte den Dieb darauf aufmerksam machen, daß man sich mit der Sache bereits beschäftigt.«


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»O bitte,« lächelte der Beamte. »Unsereiner weiß das anzufassen. Haben Sie die Thüren bei Criquolini wieder verschlossen?«

»Nur zugemacht, verschlossen nicht.«

»So kann ich also hinein?«

»Ja. Uebrigens habe ich den Hausschlüssel noch einstecken. Ich nahm ihn zu mir, um das Hofthor aufzuschließen, falls dies nöthig sei. Darf ich ihn an Sie abgeben?«

Er hielt den Schlüssel hin, und der Beamte steckte denselben zu sich, indem er meinte:

»Sie werden die Güte haben, mich nach der Wohnung des Betrunkenen zu begleiten, wenn es auch nicht gerathen ist, daß Sie dieselbe betreten. Falls es sich herausstellt, daß die Tänzerin bei ihm war, werde ich einen Wächter an ihre Wohnung stellen. Hoffentlich bekommen wir nun endlich einmal Klarheit über diesen Stubbenau. Wir kennen nämlich seinen eigentlichen Namen noch gar nicht, und alles Forschen nach demselben ist bisher vergeblich gewesen.«

Da griff sich der Graf mit der Hand nach der Stirn, indem er sagte:

»Sein Name! Ist mir doch, als ob ich denselben gehört hätte!«

»Wann denn?«

»Im Laufe seiner Unterredung mit dem Baron von Gulijan.«

»Wie? Hat dieser ihn nicht Stubbenau geheißen sondern ihn etwa anders genannt?«

»Ja, ganz anders.«

»Ah! Besinnen Sie sich, besinnen Sie sich ja! Es ist mir von der allergrößten Wichtigkeit, den Namen kennen zu lernen.«

»Warten Sie, warten Sie! Geben Sie mir Zeit!«

Während der Graf dies sagte, schritt er nachdenkend im Bureau auf und ab. Dann blieb er stehen und erklärte:

»Es war auch kein deutscher Name, wenn ich mich richtig besinne, sondern ein fremder.«

»Aus welcher Sprache?«

»Ja, wenn ich dies wüßte! Es ist mir, als ob es ein arabisches Wort gewesen sei.«

»Hm! Also kein adeliger Name?«

»Nein, ein bürgerlicher. Saadi ist wohl ein arabischer Name?«

»Ja, das ist er.«

»So ähnlich war es. Saadi oder Sadek oder ziemlich gleichklingend.«

Da fragte der Polizist mit sicht- und auch hörbarer Hast:

»Aehnlich wie Sadek? Etwa Salek?«

»Ja, ja, so war es.«

»Salek, Salek! Ah! Hat der Baron von Gulijan ihn wirklich so genannt?«

»Sogar einige Male.«


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»Er kennt also diesen Namen! Welch eine Entdeckung das ist, welch eine wichtige!«

Er zeigte, daß dieser Name ihn in eine Art von Begeisterung versetzt hatte.

»Ist er auch Ihnen bekannt?« fragte der Graf.

»Natürlich, natürlich! Dieser Salek ist ein berüchtigter Verbrecher, nach welchem wir schon lange Zeit vergeblich forschen. Sie werden noch Wunder hören. Also jetzt haben wir ihn, jetzt haben wir ihn!«

Er ging einige Male auf und ab und rieb sich hochvergnügt die Hände. Dann trat er zu einem kleinen Schränkchen, welches eine Hilfsapotheke enthielt, wie sie an Polizeistationen geboten sind. Er suchte ein Fläschchen mit Salmiakgeist hervor, welches er zu sich steckte. Dann ging er in den Nebenraum und kam kurze Zeit später in der Dienstkleidung eines Nachtwächters zurück.

»Kommen Sie,« sagte er. »Jetzt wollen wir nach der Circusgasse zu Criquolini.«

Sie gingen.

Vor dem Hause angekommen, in welchem die genannte Wohnung lag, bat er seine Begleitung, zu warten. Er selbst trat ein.

Er gelangte leicht in das Zimmer, in welchem er das kleine Wächterlaternchen anzündete. Den Schlüssel legte er auf den Tisch, so wie der Graf und der Sepp denselben gefunden hatten.

Als er dann in das Schlafzimmer trat, lag der Sänger schnarchend im Bette. Der Polizist rief und rüttelte ihn vergebens. Dann hielt er ihm den Salmiakgeist an die Nase. Criquolini athmete ihn ein und begann zu gleicher Zeit zu nießen und zu husten. Er erwachte und riß die Augen auf.

»Was - wa - wa - -« stotterte er.

Weiter kam er aber nicht, denn der Rausch bemächtigte sich seiner sofort wieder.

Der Polizist hielt ihm den Geist wieder an die Nase, und das hatte jetzt die Wirkung, daß der Betrunkene in sitzende Stellung emporfuhr. Er starrte den Andern verwundert an und fragte:

»Wer - wer sind Sie denn?«

»Der Nachtwächter, wie Sie sehen.«

»Was - was - wollen Sie?«

»Ich habe revidirt und Ihre Wohnung offen gefunden. Das darf nicht sein.«

»Offen? Es war doch zu!«

»Nein. Sowohl die Haus- als auch die Stubenthür war unverschlossen.«

»So - so - sind sie fort!«

Er blickte wie suchend um sich.

»Wer denn?« fragte der Polizist.

»Meine Gäste.«

»Sie haben Gäste und liegen im Bette!«


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»Ja - ja - wissen Sie, der Wein, der Wein!«

»Ich verstehe! Sie hatten sich ein kleines Räuschchen angetrunken. Nicht wahr?«

»Ja, so ists.«

»Da wurden Sie schlafen gelegt, und die Gäste gingen. Da sie Ihnen den Schlüssel hier lassen mußten, konnten sie nicht verschließen.«

»Ganz so muß es gewesen sein.«

»Das soll aber nicht vorkommen. Wen hatten Sie denn zu Gaste?«

»Den Baron von Stubbenau.«

»Und - - -?«

»Und eine Dame, meine - meine - - ah, das thut doch vielleicht nichts zur Sache.«

»O doch! Ich muß Sie bitten, mir den Namen der betreffenden Dame zu sagen.«

»Es war die Tänzerin Valeska. Sie wollen doch nicht etwa wegen dieser kleinen Unregelmäßigkeit Anzeige machen?«

»Eigentlich sollte ich wohl; aber ich will davon absehen, obgleich ich glaube, daß Sie mir nicht ganz die Wahrheit gesagt haben.«

»Nicht? Wieso?«

»Weil Sie gar keine Dame bei sich gehabt haben.«

»Wer behauptet das?«

»Ich. Als Ihre Gäste Sie verließen, habe ich nur zwei Herren bemerkt. Den Einen erkannte ich allerdings als den Herrn Baron von Stubbenau. Eine Dame war nicht dabei.«

»Gewiß,« lächelte Criquolini verlegen. »Die Tänzerin hatte Herrenkleidung angelegt, wissen Sie, so eine kleine, augenblickliche Marotte.«

»Ach so! Das ist etwas Anderes. Jetzt aber bitte ich, die Thüren zu verschließen.«

»O wehe! Da müßte ich ja aufstehen!«

»Freilich!«

»Hm! Sind Sie hier auf der Straße stationirt?«

»Ja.«

»Da thun Sie mir doch den Gefallen, zuzuschließen und den Schlüssel später abzugeben. Es soll mir auf ein Trinkgeld nicht ankommen. Wollen Sie?«

»Wenn Sie es wünschen, ja.«

»Gut! Thun Sie es! Gute Nacht!«

Er fiel in die Kissen zurück und schnarchte bereits im nächsten Augenblick wie vorher.

Der Beamte aber wußte nun genug. Er verschloß die Wohnung und begab sich dann mit den drei auf ihn wartenden Herren nach dem Hause der Frau Salzmann, um dort den Thatbestand aufzunehmen.

Später ordnete er sowohl vor die Wohnung Stubbenau's als auch der Tänzerin je einen verkleideten Polizisten. Diese beiden Männer erhielten die Aufgabe, die zwei Genannten ja nicht aus dem Auge zu lassen.


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Ganz ebenso wäre auch Gulijan beobachtet worden, wenn seine Wohnung bekannt gewesen wäre. Er war aber von Seiten seines Hotelwirthes noch nicht angemeldet, und man konnte die betreffende Meldung noch am Morgen erwarten.

In Beziehung auf ihn war es genug, daß man wußte, er gebe sich für einen Herrn von Wellmer aus. Und zudem wußte der Graf ja, daß dieser Mann täglich früh von neun bis zehn Uhr auf den Einbrecher warten wolle.

Am andern Morgen hatte es soeben acht Uhr geschlagen, als es sich in der Nähe des Parkhäuschens zu regen begann. Es gab da mehrere Spaziergänger, welche scheinbar unbefangen sich in der frischen Morgenluft ergingen. Wer sie aber schärfer beobachtet hätte, dem wäre es sicher nicht entgangen, daß sie die Umgebung recognoscirten und dann hinter Bäumen und Sträuchern verschwanden.

Der Graf von Senftenberg glaubte, seine Schuldigkeit gethan zu haben; er wollte sich mit dieser Angelegenheit, welche nun lediglich Criminalsache geworden war, persönlich nicht mehr beschäftigen. Der Sepp aber und der Fex waren entschlossen, sich am Fange der Verbrecher zu betheiligen.

Der Letztere hatte sich mit dem Polizeibeamten, der während der Nacht die Sache in die Hand genommen hatte, in das Häuschen versteckt, ganz so, wie gestern der Graf. Die Beiden befanden sich draußen in dem dunklen Werkzeugraume und sorgten dafür, daß die Thür für fest verschlossen gelten mußte.

Jetzt hielten sie dieselbe aber noch geöffnet, um fleißig Ausguk halten zu können.

Ungefähr eine Viertelstunde vor Neun sahen sie den Baron Stubbenau kommen. Sie zogen sich in das Versteck zurück. Er trat in das Häuschen und tastete an der Thür, um sich zu überzeugen, daß sie zu sei.

Er schien fest zu glauben, daß er sich ganz allein hier befinde. Zunächst setzte er sich auf die Bank; doch ließ ihm die Erwartung keine Ruhe. Er stand sehr bald wieder auf und begann, hin und her zu schreiten.

Nach einer Weile hörten die beiden Lauscher, daß er einen leisen, befriedigten Ruf ausstieß. Der Baron von Gulijan schien zu kommen.

Sie vernahmen die Schritte desselben. Er hatte den Dieb stehen sehen und sagte, als er in das Häuschen trat:

»Sapperment, Salek, Sie sind hier! Das hatte ich nicht erwartet, daß es so schnell gehen werde.«

»So! Wissen Sie denn, daß es geglückt ist?«

»Ja, denn sonst wären Sie nicht hier.«

»Hm! Sie sind ein scharfsinniger Mann.«

»Pah! Haben Sie sich überzeugt, daß wir allein sind?«

»Ja. Sie haben doch auch Niemanden gesehen?«

»Nein. Also, reden Sie! Wie steht es?«

»Sehr gut. Ich habe die Papiere.«

»Prächtig! Zeigen Sie her!«


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Das klang hastig und erwartungsvoll.

»Halt!« antwortete Salek. »So schnell geht das nicht. Haben Sie auch das Geld mit?«

»Ja.«

»Die volle Hälfte von fünfundzwanzigtausend Gulden?«

»Natürlich. Wollen Sie es etwa gleich haben?«

»Das versteht sich!«

»Erst muß ich mich überzeugen, ob es auch wirklich die betreffenden Papiere sind.«

»Sie sind es. Sehen Sie es sich an.«

Man hörte Papier knistern und rauschen. Sodann erklang Gulijans Stimme:

»Ja, sie sind es. Gott sei Dank! Ich stecke sie gleich ein.«

»Aber bitte, mein Geld!«

»Ich zähle es Ihnen hier auf die Bank.«

Die Lauscher hörten, daß er die Summe aufzählte. Salek steckte sie ein und sagte dann:

»Soweit sind wir fertig. Nun noch Ihre Unterschrift für die zweite Hälfte des Geldes!«

»Ist das wirklich nöthig?«

»Ja.«

»Ich halte es für sehr überflüssig.«

»Ich aber nicht. Sie sind gestern auf diesen Punkt eingegangen, und ich fordere, daß Sie Ihr Wort nun halten.«

»Und wenn ich mich nun weigere!«

»So geben Sie die Papiere wieder her!«

»Fällt mir nicht ein!«

»Hm! Sie verursachen sich Unbequemlichkeiten. Sie geben entweder Ihre Unterschrift oder liefern mir die Papiere zurück. Oder wollen Sie es auf eine Gewaltthätigkeit ankommen lassen? Ich bin bewaffnet.«

Er schien ein Messer aus der Tasche zu ziehen, denn der Baron von Gulijan rief:

»Sind Sie des Teufels! Gar ein Dolch!«

»Wie Sie sehen!«

»Wollen Sie mich etwa ermorden?«

»Ich bin entschlossen, mir zu meinem Eigenthume zu verhelfen. In welcher Weise ich das thun muß, das kommt auf Ihr Verhalten an.«

»Sie sind ein niederträchtiger Kerl!«

»O nein. Ich liebe es nur nicht, mich betrügen zu lassen. Also, entscheiden Sie sich!«

Jedenfalls hatte er eine sehr drohende Haltung angenommen, denn Gulijan meinte kleinlaut:

»Was soll ich denn unterschreiben?«

»Folgendes. Hören Sie!«


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Er las:

»Ich, Terzky, Baron von Gulijan, bekenne hiermit, daß der Inhaber dieser Zeilen dem wirklichen Baron Curty von Gulijan, genannt Fex, die unten verzeichneten Papiere auf meine Aufforderung hin gestohlen und mir für fünfzigtausend Gulden verkauft hat. Die Hälfte dieser Summe hat er sofort erhalten; die andere Hälfte bezahle ich ihm, wenn ich den bezüglichen Erbschaftsprozeß gewonnen habe, so daß sämmtliche Besitzthümer der Familie Gulijan in meine Hand übergehen.«

Hierauf folgte das Datum und die Aufzählung der Papiere, welche Salek gestohlen hatte.

»Und das, das soll ich unterschreiben!« rief der Baron.

»Sie haben es versprochen.«

»Diese Zeilen sind für mich gefährlich.«

»Für mich auch.«

»Können Sie ihnen nicht eine andere Fassung geben?«

»Nein. Ich habe sie bereits mild genug gehalten. Machen wir es kurz. Wollen Sie, oder wollen Sie nicht?«

»Ich möchte nicht.«

»Dann heraus mit den Papieren!«

»Mensch! Sie sind ja der reine Räuberhauptmann!«

»Sie sind nichts Besseres!«

»Es giebt ja hier nicht einmal Tinte!«

»Da irren Sie sich. Ich habe nicht nur Feder und Tinte mit, sondern auch Streichhölzer und Siegellack, damit Sie Ihr Wappen drunter setzen können.«

»Hole Sie der Teufel! Meinen Sie denn, ich schleppe mein Petschaft überall mit in der Welt herum?«

»Ja. Sie haben einen Siegelring.«

Darauf wollte Gulijan nicht eingehen. Salek aber ging nicht von seiner Bedingung ab, und so sah der Erstere sich gezwungen, zu unterzeichnen und auch zu untersiegeln, da er es auf eine regelrechte Rauferei nicht ankommen lassen wollte. Doch meinte er dann zornig:

»Aber ich verlange, daß Sie mit diesem Revers keinerlei Mißbrauch treiben!«

»O nein,« antwortete Salek. »Es liegt ja in meinem eigenen Interesse, daß ich ihn sehr sicher aufbewahre. Sie können also - - -«

Er wurde unterbrochen, denn Gulijan stieß einen unterdrückten Ruf des Aergers aus und sagte, indem er hinaus auf den Weg deutete:

»Verdammt! So werden wir also doch mit einander gesehen und überrascht.«

Salek drehte sich um und erblickte den alten Sepp, welcher langsam und scheinbar tief in Gedanken versunken, auf das Häuschen zugeschritten kam.

»Ah, der!« sagte der Einbrecher. »Von dem haben wir nichts zu befürchten.«


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»So? Kennen Sie ihn?«

»Ja. Er ist ein Freund von mir, ein alter, bayrischer Hauptmann. Ein wenig dumm und ein wenig gut, ein alter, ehrlicher Schafskopf, der ganz zufälliger Weise hier spazieren geht.«

»Wirklich zufällig?«

»Gewiß. Uebrigens scheint er es auf das Häuschen abgesehen zu haben. Als wen soll ich Sie vorstellen?«

»Als Wellmer. Mein wirklicher Name darf nicht genannt werden.«

»Schön. Da ist er schon.«

Der Alte hatte das Häuschen erreicht, hielt an und betrachtete es sich wie Einer, welcher soeben aus tiefen Gedanken erwacht. Dann stieg er langsam die wenigen Stufen herauf.

Salek trat ihm entgegen.

»Erschrecken Sie nicht, lieber Hauptmann,« sagte er. »Sie haben jedenfalls hier Niemand erwartet.«

Der Sepp fuhr allerdings zurück, als ob er erschrocken sei, lachte aber heiter auf, als er den Sprecher erkannte.

»Sie hier, Baron! Das ist nun freilich eine frohe Ueberraschung. Ich war ganz in Gedanken versunken.«

»Jedenfalls in glückliche?«

»O nein, sondern im Gegentheile. Aber wollen Sie mich nicht diesem Herrn vorstellen?«

»Herr Hauptmann von Brendel, Herr Baron von Wellmer,« stellte Salek sie einander vor.

Die Beiden verbeugten sich, und dann nahm Salek das Thema wieder auf:

»Es waren keine wohlthätigen Gedanken? Sie haben doch nicht Aegerlichkeiten gehabt?«

»Ich selbst nicht, aber eine mir nahestehende Person. Sie wissen doch bereits, daß ich der Pathe der Ubertinka bin?«

»Ja. Ich erfuhr es.«

»Meine Pathe und Mündel hat heut Nacht einen schweren Verlust gehabt.«

»Was Sie sagen!«

»Ihre Juwelen sind ihr gestohlen worden.«

»Unmöglich!«

»Leider ist es nur zu wahr. Sie wohnt erst seit einem Tage in dem Logis und wird doch schon bestohlen! Und ein anderer Bekannter von mir ist erst später eingezogen und doch hat man ihm auch bereits die Kasse ganz geleert.«

»Sie sehen mich voller Schreck und Theilnahme,« sagte Salek, indem er ein sehr theilnahmsvolles Gesicht zeigte.

Auch Gulijan sagte einige condolirende Worte und sprach die Hoffnung aus, daß man die Diebe entdecken werde. Daran schloß er die Erkundigung:


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»Handelt es sich denn um zwei verschiedene Diebstähle oder nur um einen einzigen?«

»Von Diebstahl ist keine Rede, sondern von einem regelrechten Einbruch. Die Diebe sind aus dem Hofe erst in das Parterre eingestiegen, wo sie die Kasse meines jungen Freundes leerten, und dann waren sie sogar so verwegen, in die Etage zu gehen, wo sie die Diamanten stahlen.«

»Das ist freilich frech! Hat sich denn nicht eine Spur gefunden?«

»Allerdings, doch ist sehr fraglich, ob sie zum Ziele führen wird. Leider handelt es sich nicht um leicht ersetzliche Gegenstände, sondern um werthvolle Papiere, auf welche es von vornherein abgesehen war. Mein junger Freund Curty, Baron von Gulijan, steht mit einem Verwandten im Prozeß, welchen er nur mit Hilfe derjenigen Papiere gewinnen kann, die ihm nun gestohlen sind.«

»Höchst bedauerlich! Hoffentlich bekommt er sie wieder.«

»Ich hoffe es auch, zumal wir eben, wie bereits gesagt, eine Spur haben.«

»Wirklich? Darf man sich nach dieser interessanten Angelegenheit erkundigen?«

Salek und Gulijan waren natürlich auf das Außerordentlichste gespannt. Der Letztere war außerdem innerlich ergrimmt über den Ersteren, daß er sich nicht mit den Papieren begnügt, sondern noch Weiteres gestohlen hatte. Dadurch konnte die Angelegenheit leicht eine unerwartete und gefährliche Wendung erhalten.

»Warum nicht?« antwortete der Sepp. »Der Herr Baron von Stubbenau ist mein Freund, und ich bin seiner Theilnahme diese Aufrichtigkeit schuldig. Setzen wir uns einen Augenblick!«

Er nahm zwischen ihnen auf der Bank Platz und fuhr dann weiter fort:

»Die betreffenden Papiere sind an sich ganz werthlos und haben nur für den genannten Verwandten Werth. Daraus läßt sich vermuthen, daß er die Hand dabei im Spiele hat.«

»Das wäre ja überraschend!«

»O nein. Um den Prozeß zu gewinnen, dingt er einen Einbrecher, der ihm die Papiere stehlen muß. Das ist doch sehr einfach.«

»Aber ein Gulijan!«

»Kennen Sie den Namen und die Familie?«

»Ich habe den Namen nennen hören. Aber bitte, sprechen Sie doch weiter!«

»Also ich habe diesen Verwandten in Verdacht. Er soll in letzterer Zeit hier gesehen worden sein.«

»Ah! Ists wahr?«

»Ja, und zwar soll er mit einem notorischen Einbrecher verkehrt haben, mit einem gewissen Salek, den man bereits seit Langem sucht.«

Die beiden Zuhörer wurden leichenblaß. Sie hatten sich erst einmal ge-


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troffen, gestern hier im Häuschen! Und das wußte man bereits? Dann mußte man ja Gulijan erkannt haben!

Diesem Letzteren wollte es die Kehle zuschnüren. Er gab sich die größte Mühe, ruhig zu erscheinen und fragte:

»So hat man Beide zusammen gesehen?«

»Das weiß ich nicht. Die Polizei liebt es nicht, gesprächiger zu sein als es in ihrem Interesse liegt. Man hat nun nach diesem Salek geforscht und erfahren, daß er mit einer Tänzerin verkehrt, welche seine Gehilfin ist.«

»Beim Einbrechen?«

»Ja.«

»Unmöglich! Eine Tänzerin als Einbrecherin!«

Salek mußte alle seine Selbstbeherrschung aufbieten, um ruhig fragen zu können:

»Kennt man denn bereits den Namen der betreffenden Tänzerin?«

»Das weiß ich auch nicht. Ich sagte schon, daß die Polizei nicht übermäßig mittheilsam ist. Aber erfahren habe ich doch, daß Salek und die Tänzerin es wirklich sind, die den Einbruch ausgeführt haben. Das Mädchen ist dabei als Herr verkleidet gewesen.«

Die beiden Andern wurden von ihrem Entsetzen so absorbirt, daß sie gar nicht bemerkten, daß an der hinteren Seite des Häuschens sich mehrere Männer herbeischlichen und so Posto faßten, daß sie augenblicklich zur Hand sein konnten. Auch aus weiterer Entfernung huschten verborgen gewesene Polizisten so weit heran, daß sie nun hinter den nächsten Bäumen und Büschen standen.

Der alte Sepp spielte seine Rolle ganz vortrefflich. Er zeigte eine zwar besorgte, sonst aber sehr unbefangene Miene. Darum glaubten die Beiden wohl, daß man ihnen auf der Spur sei, aber sie waren noch weit davon entfernt, zu ahnen, daß er sie bereits als die Betreffenden kannte.

Sie wechselten einen schnellen, besorgten Blick mit einander; dann sagte Gulijan:

»Es freut mich, daß die Nachforschungen bisher schon so weit gediehen sind. Wann ist denn der Einbruch bemerkt worden?«

»Sofort nach der Ausführung.«

»Das ist sehr gut. Und von wem?«

»Von mir und dem Grafen von Senftenberg. Die beiden Einbrecher gingen an uns vorüber. Ich muß sagen, daß der Eine von ihnen eine ganz frappante Aehnlichkeit mit unserm Baron von Stubbenau hatte.«

Der Genannte zuckte zusammen, beherrschte sich aber und meinte lachend:

»Sie erweisen mir da wirklich eine Ehre, auf welche ich nicht sehr stolz sein kann!«

»Pah! Sie werden das natürlich nicht übel nehmen. Ich bin ja nicht schuld an dieser Aehnlichkeit.«

»War sie denn wirklich so bedeutend?«


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»Sie war so groß, daß ich mich täuschen ließ und den Menschen sogar angeredet habe.«

»Antwortete er?«

»Nein. Er machte sich schleunigst aus dem Staube.«

»Hätten Sie ihn doch festgehalten!«

»Aus welchem Grunde?«

»Nun, weil er eingebrochen hatte.«

»Davon wußte ich noch nichts. Er trug ein Kästchen, eine kleine Schatulle. Hätte ich gewußt, daß sich in derselben die geraubten Brillanten meiner Mündel befanden, so wäre er mir nicht entkommen.«

»Wie aber sind Sie dann dennoch zu der Ueberzeugung gelangt, daß Sie es mit Dieben zu thun gehabt hatten?«

»Durch eine Gedankencombination. Graf Senftenberg wußte nämlich, daß ein Einbruch hatte stattfinden sollen.«

»Sind Sie des Teufels!«

»O nein. Es ist wirklich so. Er wußte es.«

»So konnte er ihn verhüten.«

»Das beabsichtigte er natürlich auch; aber er hatte nicht gedacht, daß die That so schnell geschehen werde.«

Gulijan strich sich verlegen den Bart. Es begann ihm unheimlich zu werden, und es war ein rascher Blick zornigen Vorwurfes, den er auf den Einbrecher warf. Dann erkundigte er sich:

»Das ist eine höchst sonderbare Geschichte. Der Graf soll bereits im Voraus von dem Einbruche unterrichtet gewesen sein. Wie ist das möglich?«

»Dadurch, daß er zwei Kerls belauscht hat, welche davon gesprochen haben.«

»Alle Teufel! Wann denn?«

Er fuhr von der Bank auf. Die Spitzen seines Schnurrbartes bebten verrätherisch.

»Gestern,« antwortete der Sepp gleichmüthig.

»Und wo?«

»Hier im Parke, ich glaube sogar hier, an derselben Stelle, an welcher wir uns befinden.«

»Himmeldonnerwetter!« fluchte Salek, indem er auch aufsprang.

Sepp blieb sitzen, blickte die beiden höchst verwundert an und fragte:

»Was haben Sie denn? Was ist mit Ihnen?«

»Mit uns? Nichts. Was soll mit uns sein?«

»Sie thun ja so aufgeregt, förmlich ängstlich!«

»Aengstlich? Wir?« lachte Gulijan gepreßt. »Was denken Sie da! Woher sollte für uns die Veranlassung zur Angst kommen! Wir nehmen sehr regen Antheil an Dem, was Sie erzählen. Das ist Alles.«

»Ach so! Ich bin Ihnen herzlich dankbar für diesen Antheil oder, um mich richtiger auszudrücken, für diese Theilnahme. Ich denke, daß es uns doch gelingen wird, die Kerls zu erwischen.«


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»Das wünsche ich Ihnen von ganzem Herzen. Es ist wirklich ein sehr glücklicher Umstand, daß der Graf dieses Gespräch belauscht hat. Hoffentlich kennt er die betreffenden Menschen?«

»Leider, nein. Er hat so gestanden, daß er nur den Einen sehen konnte. Das Aeußere desselben hat er sich genau gemerkt. Die Stimme des Anderen ist ihm sehr bekannt vorgekommen, aber er hat ihn, wie gesagt, nicht sehen können.«

»Desto besser wird er gehört haben, was sie sprachen. Nicht?«

»Ja, es ist ihm kein Wort entgangen.«

»Sapperment! Was haben die Kerls denn mit einander ausgemacht?«

»Den Einbruch natürlich. Der Eine hat den Anderen dazu beredet und ihm fünfzigtausend Gulden dafür versprochen. Es handelte sich um die bereits erwähnten Papiere.«

»Haben sie sich denn bei ihren Namen genannt?«

»Wohl nicht. Kurz und gut, der Graf hat auf diese Weise erfahren, daß ein Diebstahl stattfinden sollte; aber er hat nicht geglaubt, annehmen zu müssen, daß derselbe bereits in der nächsten Nacht ausgeführt werde. Darum hat er die Anzeige unterlassen.«

»Das war sehr unüberlegt von ihm!«

»Freilich. Aber diese Unterlassungssünde kann vielleicht noch gut gemacht werden, wenn Sie mich dabei unterstützen wollen.«

»Wir? Sie unterstützen? Wie meinen Sie das?«

»Die beiden Kerls haben nämlich verabredet, früh zwischen neun und zehn Uhr hier zusammenzutreffen. Darauf hat sich der Graf glücklicher Weise noch besonnen. Der Dieb soll die Papiere hierher in dieses Häuschen bringen und der Andere will ihn hier erwarten, um ihn zu bezahlen und einen Revers zu unterschreiben.«

»Teufel noch einmal! Auch das hat der Graf erlauscht!« rief der Baron von Gulijan.

»O, noch weit mehr, was aber jetzt nur von nebensächlicher Bedeutung ist. Ich habe natürlich angenommen, daß diese beiden Menschen wohl schon heute hier zusammentreffen, und bin gekommen, sie der Polizei zu überliefern.«

»Sapperment! Sie allein?«

»Meinen Sie, daß ich dazu noch mehrerer Personen bedarf?«

»Gewiß!«

»Pah! Ich bin Offizier!«

Ueber das Gesicht des Barons zuckte ein triumphirendes Lächeln; er zwinkerte Salek heimlich mit den Augen zu und meinte zu Sepp:

»Ich hege natürlich keinen Zweifel an Ihrer persönlichen Tapferkeit, aber ich halte es für meine Pflicht, Sie zu warnen. Sie haben es höchst wahrscheinlich mit zwei gewaltthätigen Menschen zu thun.«

»O, Diebe sind immer feig!«

»Aber selbst ein sonst wenig muthiger Mann wehrt sich seiner Haut, wenn er ergriffen werden soll!«


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»Nun, das auch zugegeben, so habe ich doch noch nicht gesagt, daß ich beabsichtige, mich mit den Spitzbuben herumzubalgen. Ich möchte sie belauschen und ihnen nachschleichen, um zu erfahren, wer sie sind. Dann zeige ich sie an.«

»Ach so! Das ist freilich weniger gefährlich.«

»Ja, und übrigens freut es mich, Sie hier getroffen zu haben. Ich bin überzeugt, daß Sie mir nöthigenfalls Ihre Hilfe nicht versagen werden.«

»Gewiß nicht. Nur weiß ich nicht, ob meine Zeit mir erlaubt, länger hier zu bleiben. Ich muß mit der Bahn fort und darf den Zug nicht versäumen.«

Der Sepp zog seine Uhr heraus, blickte auf dieselbe und antwortete in bittendem Tone:

»Es ist bereits halb Zehn. Bis zehn Uhr wollten sie sich treffen. Es ist also nur noch eine kleine halbe Stunde zu warten und so lange Zeit werden Sie wohl übrig haben.«

»Schwerlich,« sagte Gulijan, indem er ein bedenkliches Gesicht machte.

Salek aber mochte denken, daß es besser sei, scheinbar auf die Absicht des alten Hauptmannes einzugehen; darum sagte er:

»Herr Baron, Ihr Zug geht ja erst um Mittag ab. Sie haben also noch Zeit.«

»Meinen Sie? Hm!«

»Ja. Freilich scheint der Herr Hauptmann nicht ganz zum Polizisten geboren zu sein. Hier wird es uns nicht gelingen, die Kerls zu fangen.«

»Warum nicht?« fragte der Sepp.

»Weil sie uns sehen können. Sie werden natürlich umkehren, sobald sie uns bemerken.«

»Ja, wenn Sie sich so groß und breit herstellen wie jetzt! Setzen Sie sich doch!«

»Auch das ist noch nicht ausreichend. Wir dürfen gar nicht hier bleiben.«

»Warum denn nicht?«

»Eben weil sie uns gar nicht sehen sollen. Wir müssen das Häuschen verlassen und uns draußen hinter die Bäume stellen. Da vertheilen wir uns so, daß sie uns auf keinen Fall entgehen können.«

Der Alte durchschaute Salek's Absicht. Den Beiden war es natürlich nur darum zu thun, ihm auf gute Weise aus den Augen zu kommen. Darum antwortete er kopfschüttelnd:

»Nein, ich weiß etwas noch viel Besseres. Wenn wir uns da draußen hinstellen, können wir sie doch nicht belauschen. Wir hören gar nicht, was sie reden, und gerade das ist's ja, was ich wissen möchte.«

»Nun,« lachte Salek, »wenn wir hier sitzen bleiben, ist von einem Belauschen auch keine Rede.«

»Sehr richtig. Aber wer sagt denn, daß wir sitzen bleiben wollen? Ich doch nicht!«

»Wohin wollen Sie denn?«


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»Wissen Sie, wir stecken uns dahin, wo gestern der Graf gesteckt hat. Da ist Alles zu hören.«

»Wo wäre das?«

»Da hinein.«

Er deutete auf die Thür.

Das ging den Beiden über die Selbstbeherrschung. Sie standen offenen Mundes da und starrten ihn an.

»Ja,« lachte er. »Das Versteck ist ausgezeichnet.«

»Da, da drin ist der Graf gewesen?« stammelte Salek.

»Ja,« nickte Sepp.

»Es ist doch zu!«

»O nein. Der Graf ist so klug gewesen, die Thür von innen zuzuhalten, so daß die Spitzbuben denken mußten, daß sie verschlossen sei.«

»Himmeldonnerwetter!« fluchte Salek.

»Da schlag der Teufel drein!« stieß Gulijan hervor.

»Nicht wahr, das ist prächtig?« fuhr der Alte fröhlich fort. »Da können uns die Kerls nicht sehen, wenn sie kommen, und wir hören jedes Wort.«

»Meinetwegen!« rief der Baron jetzt grob. »Ich habe keine Lust, mich wegen eines Spitzbuben zu verkriechen. Machen Sie Ihre Sache allein ab!«

Salek folgte sofort diesem unfreundlichen Beispiele, indem auch er erklärte:

»Der Herr Baron hat Recht. Uns geht diese Sache ja gar nichts an. Entschuldigen Sie, Herr Hauptmann!«

Er drehte sich zum Gehen um, aber der Alte trat ihm in den Weg und sagte, noch immer freundlich:

»Wie meinen Sie? Die Sache geht Sie nichts an?«

»So meine ich allerdings.«

»Aber da irren Sie sich gewaltig!«

»In wiefern?«

»Es liegt ganz außerordentlich in Ihrem eigenen Interesse, daß die wirklichen Thäter entdeckt werden.«

»O bitte! Unser Interesse hat wohl ganz und gar nichts mit dieser Angelegenheit zu thun!«

»Ich behaupte das Gegentheil und werde es Ihnen beweisen.«

»So gestehe ich Ihnen, daß ich auf diesen Beweis außerordentlich neugierig bin.«

»Sie sollen ihn sofort haben, indem ich Ihnen, natürlich unter allem Vorbehalte, mittheile, daß der Verdacht auf Sie gefallen ist.«

Das Gesicht Salek's wurde starr und leichenblaß.

»Auf mich?« stotterte er.

»Jawohl, auf Sie Beide.«

»Was, auch auf mich?« rief der Baron. »Sind Sie vielleicht verrückt?«

»O nein. Zunächst hat mir der Graf den einen Spitzbuben so genau


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beschrieben, daß ich mich gar nicht irren kann. Es passen alle, selbst die kleinsten Angaben, ganz genau auf Sie.«

»Alle Teufel! Mir das! Dem Baron von Wellmer! Ich werde Sie zur Rechenschaft ziehen!«

»Sehr wohl. Ich bin bereit, Ihnen Satisfaction zu geben, falls Sie wirklich Derjenige sind, für den Sie sich ausgeben.«

»Wer sollte ich sonst sein?«

»Graf Senftenberg behauptet, daß Sie nicht Wellmer, sondern Gulijan heißen.«

»Der weiß den Teufel!«

Der Baron gab sich den Anschein eines zornigen Stolzes, innerlich aber war ihm keineswegs sehr wohl zu Muthe.

»O, er weiß sogar noch viel mehr. Er hat zum Beispiele gesagt, daß die Stimme des Diebes, den er nicht sehen konnte, die Stimme des Herrn Barons von Stubbenau gewesen sei.«

Der Letztgenannte nahm sich so zusammen, daß er lachend ausrufen konnte:

»Der Graf scheint zuweilen an Hallucinationen zu leiden!«

»Meinen Sie? Wie könnte er wohl durch eine Sinnestäuschung erfahren, daß Sie nicht Stubbenau, sondern Salek heißen?«

Salek fuhr zurück.

»Und daß Sie den Einbruch mit Hilfe der Tänzerin Valeska von der Wohnung des Sängers Criquolini aus verübt haben?«

Der Beschuldigte stand noch immer sprach- und bewegungslos; aber die Blässe seines Gesichtes begann zu weichen, es röthete sich und seine Augen funkelten. Man sah es ihm an, daß er die Ueberzeugung hegte, entlarvt zu sein, und vor keiner Gewaltthätigkeit zurückscheuen werde, um sich der Gefangennahme zu entziehen.

Sepp erkannte das sehr wohl, fuhr aber trotzdem furchtlos fort:

»Sie haben jetzt fünfundzwanzigtausend Gulden und einen Revers einstecken und der Herr Baron von Gulijan trägt die gestohlenen Papiere in der Tasche!«

Da endlich antwortete Salek:

»Meinen Sie? Hm! Wenn Sie nun Recht hätten?«

»Das habe ich!«

»Was dann weiter?«

»Ich verlange den Raub zurück!«

»Pah! Die Comödie mag zu Ende sein. Ja, ich bin Salek. Ich bin nicht feig genug, es zu leugnen; aber Sie sind ein alter, unvorsichtiger Mann, der seine Unachtsamkeit theuer bezahlen wird.«

Er griff, während er das sagte, in die Tasche.

»Womit sollte ich es bezahlen!« lachte der Alte verächtlich.

»Mit dem Leben!«

»Pah! Ein Offizier kann sich schon vertheidigen!«

»Sie sind der Einzige, der uns beweisen kann, was wir gethan haben.


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Einen solchen Zeugen können wir nicht dulden. Er muß aus der Welt geschafft werden, und zwar sofort!«

Sepp hatte nicht die mindeste Bewegung gemacht, welche als Vorbereitung zur Gegenwehr dienen konnte. Er war seiner Sache gewiß. Salek stand mit dem Rücken gegen die Thür und diese war um eine so breite Lücke geöffnet worden, daß Sepp den Polizeibeamten erblicken konnte.

Salek hatte während seiner letzten Worte das Messer aus der Tasche gezogen.

»Also stirb!« rief er aus.

Er wollte sich mit einem Sprunge auf den Sepp werfen, kam aber nur dazu, den Fuß zu erheben, denn in demselben Augenblicke stand der Polizist hinter ihm und ergriff ihn mit beiden Händen bei der Kehle, die er so fest zusammenpreßte, daß dem Einbrecher die erhobenen Arme herabsanken und er sofort in die Kniee brach.

»Herbei!« commandirte der Beamte.

Im Augenblicke zeigte es sich, daß das Häuschen wohl von zwanzig Polizisten umringt war, und bevor Salek nur zu einem freien Athemzuge gekommen war, hatte man ihm das Messer entrissen und seine Hände in eiserne Schellen gelegt.

Der Baron von Gulijan war so entsetzt, daß es schien, als ob er kein Glied zu bewegen vermöge. Sein Blick hing voller Schreck an dem Fex, der hinter dem Polizeibeamten aus dem Verstecke getreten war. Der junge Mann verbeugte sich ironisch vor seinem Verwandten und begrüßte ihn:

»Willkommen im Augarten, mein lieber Herr Vetter! Hoffentlich freuen Sie sich unseres so unerwarteten Zusammentreffens ebenso sehr wie ich.«

»Cur- Cur- Curty!« stammelte der Angeredete.

»Curty? Sie nennen mich bei dem mir gehörigen Namen, welchen mir zu geben Sie sich bisher weigerten? Wie kommt das? Woher diese plötzliche Bereitwilligkeit?«

»Ich bin - bin - bin -«

Er hielt inne. Er wußte nicht, was er sagen sollte. Er konnte doch kein wirklich rechtfertigendes Wort finden, fuhr aber doch fort:

»Bin in die Hände eines Schurken gerathen.«

»So? Wer ist das?«

»Salek hier. Nur er ist schuld, daß es geschehen ist.«

Der Einbrecher hatte, als der Beamte ihn nicht mehr bei der Gurgel hielt, mit Aufbietung aller Kräfte versucht, die Handschellen zu zersprengen. Es war ihm natürlich nicht gelungen. Er schäumte vor Wuth. Jetzt, als er die Worte des Barons vernahm, verdoppelte sich sein Grimm. Er antwortete laut brüllend:

»Hund, Du lügst! Du selbst hast mir den Antrag gestellt!«

»Das ist nicht wahr!« behauptete der Baron.

»Schweigt!« gebot der Polizeibeamte. »Die Untersuchung wird zeigen,


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in wie weit Jeder schuldig ist. Baron von Gulijan, haben Sie die gestohlenen Papiere empfangen?«

»Ja,« gestand dieser, da er es doch nicht zu leugnen vermochte.

Sie wurden ihm abgenommen und ebenso wurden die Taschen des Einbrechers geleert.

Der Baron bat, ihn frei zu lassen, und versprach, keinen Fluchtversuch zu unternehmen. Der Fex besaß Edelmuth genug, für ihn zu sprechen; aber der Beamte erklärte, daß er nicht darauf eingehen könne. Die That sei eine derartige und zeuge von so niedriger und gemeiner Gesinnung, daß auf die Geburt und den Stand des Schuldigen keine Rücksicht genommen werden könne.

Das Einzige, was Gulijan erreichte, war, daß er nicht so wie Salek gefesselt wurde.

Als diese Beiden abgeführt worden waren, sagte der Beamte zu dem alten Sepp:

»Sie haben Ihre Sache sehr gut gemacht. Nun gilt es, die Wohnungen der beiden Gefangenen zu untersuchen. In dem Hotelzimmer des Barons, von dem ich bald erfahren werde, wo er abgestiegen ist, wird nichts Bedeutendes zu finden sein. Dahin will ich Sie nicht belästigen. Aber die Wohnung des Einbrechers müssen wir durchsuchen. Dort finden wir ganz gewiß Verschiedenes, was uns wichtig sein wird. Sie gehen doch mit?«

»Natürlich! Und mein junger Freund wird uns jedenfalls begleiten.«

Der Fex, dem diese Worte galten, erklärte sich sehr gern bereit dazu. Er hatte zwar seine Papiere, nicht aber das ihm gestohlene Geld zurück. Salek hatte nur eine unbedeutende Summe einstecken gehabt, und so war zu vermuthen, daß er die bedeutende Summe in seiner Wohnung verborgen habe.

Als sie in die Nähe derselben gelangten, war der Beamte so vorsichtig, einen Schlosser zu requiriren, um etwaige Verschlüsse gleich öffnen lassen zu können.

Die Wirthsleute wunderten sich freilich, als sie erfuhren, was für einen Miether sie gehabt hatten. Sie waren der Ueberzeugung gewesen, daß derselbe ein feiner, angesehener Edelmann sei.

Die Meubles, welche ihnen gehörten, waren leicht zu öffnen; aber in dem Schlafzimmer standen einige Koffer, welche der Schlosser nur mit großer Mühe aufschließen konnte. Hier nun fand sich Alles und noch viel mehr, als was der Polizist da suchte.

Leni's Schmuck war vorhanden und ebenso gab es bedeutende Summen Geldes. Unter den größeren Banknoten vermochte der Fex mehrere als die ihm gestohlenen zu bezeichnen, da er die Gepflogenheit hatte, sich die Nummern zu notiren.

Außerdem gab es eine ganze Menge von Werth-, Gold- und Juwelensachen, welche gestohlen waren, und ein ganzes Arsenal von Diebes- und Einbrecherwerkzeugen.

Salek war sogar so kühn gewesen, über sein verbrecherisches Thun förmlich Buch zu führen. Aus diesen Aufzeichnungen ging die Schuld der Tänzerin


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auf das Klarste hervor. Unter anderen Scripturen, von denen der Beamte erklärte, daß sie ein ganz vortreffliches und vollkommenes Belastungsmaterial enthielten, befand sich eine Liste ausschließlich weiblicher Namen, hinter denen stets ein Ortsname verzeichnet war.

Was das zu bedeuten hatte, darüber war der Polizist im Unklaren. Er stand einige Zeit mit dieser Liste in der Hand, überflog die Namen und schüttelte den Kopf dazu.

Hinter ihm stand der Fex, dessen Absicht es nicht war, Einsicht in die Liste zu nehmen; aber da es nichts für ihn zu thun gab, ließ er seinen Blick ganz unwillkürlich von Weitem über diese Liste gleiten. Sein Auge blieb auf einem der Namen haften.

»Herrgott!« rief er aus. »Was steht da? Ists wahr? Bitte, zeigen Sie einmal her!«

Er griff so schnell und hastig nach der Liste, daß der Polizist ihn verwundert anschaute und ihn fragte:

»Was ists? Was sahen Sie?«

»Einen bekannten Namen.«

»Schön, schön! Vielleicht bietet mir dieser Zufall Aufklärung über die Bedeutung dieser Namen. Welcher war es?«

»Der da, der.«

Er deutete auf eine gewisse Stelle. Dort stand zu lesen: 'Paula Kellermann, Müllerstochter aus Scheibenbad'.

Der Fex war ganz außer sich. Der Name der verschwundenen Geliebten hier auf dieser Liste, welche jedenfalls von Salek, einem notorischen Verbrecher und Hochstapler, angefertigt worden war! Das hatte nichts Gutes zu bedeuten.

»Wer ist das Mädchen?« fragte der Polizist.

»Eine Bekannte von mir,« wiederholte der junge, aufgeregte Mann.

»Was für eine Person? Vielleicht liederlich?«

»O nein, sondern im Gegentheil ein braves, herrliches Mädchen, welches vor einiger Zeit spurlos verschwunden ist.«

»Ah! Hm! Sonderbar! Wo liegt denn eigentlich dieses Scheibenbad? Ich kenne es nicht.«

»Drüben in Bayern, nach den Salzburger Bergen zu.«

»Können Sie mir sagen, unter welchen Umständen die Betreffende verschwunden ist?«

»Ihr Vater war mit den Gesetzen in Conflict gerathen. Er wurde bestraft. Das hat sich die Tochter so zu Herzen genommen, daß sie nicht in der Heimath zu bleiben vermochte.«

»So, so! Sie verschwand also plötzlich?«

»Ganz plötzlich.«

»Ohne Jemand zu benachrichtigen, wohin zu gehen sie beabsichtige?«

»Sie hat keine Spur zurückgelassen, gar keine, als einen Brief, den sie an mich schrieb.«

»Ah! Wenn Sie den noch hätten!«


Ende der fünfundneunzigsten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Der Weg zum Glück

Karl May - Leben und Werk