Lieferung 98

Karl May

9. Juni 1888

Der Weg zum Glück.

Vom Verfasser des »Waldröschen«, »Verlorner Sohn«, »Deutsche Helden« etc.


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»Nein, aber frag da den Max!«

»Nun, das ist unnöthig, denn ich weiß im Voraus, daß er Dir wohl beistimmen wird.«

»Ja, das thu ich auch, denn ich glaub nicht, daß wir uns irren, wenn wir sie für ein braves Mädchen halten. Du sollst Dich ja gar nicht mit der Sache befassen. Wir haben es Dir erzählt, weil wir glaubten, Du könntest uns einen guten Rath geben. Es war ja möglich, daß Du Dir einen besseren Plan aussinnen könntest als den unserigen. Ist das nicht der Fall, so fällt es uns ja gar nicht ein, Dir beschwerlich zu fallen.«

Der Sepp blickte eine Weile still vor sich hin. Sodann antwortete er, indem er auf den Tisch schlug:

»Himmelsakkermenten! Kennt Ihr denn Euern alten Wurzelsepp nicht mehr?«

»Nun, kennen thun wir Dich schon noch.«

»So dürft Ihr doch auch nicht denken, daß ich Euch im Stiche lassen werd!«

»Aber es hat ganz den Anschein dazu.«

»Nein. Nur bin ich nimmer so heißblütig, wie Ihr es seid. Unsereiner will sich die Sach überlegen, bevor er Ja sagt!«

»So! Und was hast überlegt?«

»Ich seh halt ein, daß Ihr doch nicht davon abzubringen seid, und da ist es halt besser, ich mach auch mit, als daß ich Euch sitzen laß.«

»Bravo! Hier hast meine Hand!«

»Die meinige auch!« sagte Johannes.

Beide reichten ihm die Hände hin, die er ergriff und herzlich schüttelte.

»Ja, so ists,« sagte er dabei. »Wir sind halt alte, gute Kameraden, wann Ihr auch um einige Monate jünger seid als ich, und da müssen wir zusammenhalten. Wann ich es mir richtig überleg, so ist das Maderl - wie heißts gleich?«

»Anita.«

»Schön! So ist diese Anita ein braves Dirndl. Also Ihr glaubt, daß dera Maler ihr Verwandter ist?«

»Wie es scheint.«

»Und den Lieblingsschüler hats heirathen sollen? Das hats nicht wollt. Dafür hats hungern und leiden müssen und Schläg bekommen, und da ists halt von dannen gangen. Sie ist nach Triest kommen und dem Juden in die Hände fallen, ohne zu wissen, was für ein Kerlen er ist.«

»So ists, ganz genau so!« stimmte Johannes ein.

»Ja. Da hast Du sie nun heut sehen und allsogleich den Narren an ihr gefressen.«

»Nein, das nicht.«

»Was sonst?«

»Es ist das reine Mitgefühl.«

»Ja, und grad das allerreinste Mitgefühl, das wird im gewöhnlichen Leben Liebe genannt.«


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»Wie kannst Du so Etwas sagen!« rief Johannes, indem er im ganzen Gesicht erglühte.

»Schweig! Ich hab halt auch mal so ein reines Mitgefühl empfunden. Also herausholen wollt Ihr sie. Wie? Das wollen wir jetzund noch nicht fragen. Zuvor müßt Ihr mir sagen, was Ihr mit ihr vorzunehmen gedenkt.«

»Das wissen wir noch nicht.«

»Das ist freilich schlimm. Wollt Ihr sie etwan dem alten Maler zurückgeben?«

»Auf keinen Fall.«

»Schön! Wann Ihr das thätet, so ginge ja ihr Leiden grad von vorn wieder los. Wollt Ihr sie hier in Triest lassen?«

»Auch nicht.«

»Warum nicht?«

»Der Maler könnte sie finden oder auch der Jude.«

»So soll sie also fort von hier. Aberst wohin?«

»Vielleicht weißt Du einen Ort.«

Der Alte zog ein außerordentlich pfiffiges Gesicht, nickte Johannes zu und antwortete:

»Am Liebsten nähmst sie wohl mit?«

»Ja, das wär das Allerbeste.«

»Da bist wenigstens aufrichtig. Nun, ich hab ja nix dagegen, wann sie will.«

»Ob sie will, das wissen wir nicht.«

»So müssen wir sie fragen. Jedenfalls will sie nicht zu dem Maler zurück. Hier wird sie auch nicht bleiben wollen, und so denk ich, daß sie sich gern entschließen wird, mit Euch zu gehen.«

»Das wäre schön! Das wäre prächtig!«

»Meinst? Aber es geht doch nicht an.«

»Nicht? Warum nicht?«

»Weil so ein hübsches, junges Maderl doch nicht mit fremden Jungburschen reisen darf. Verstanden! Was würden die Leut dazu sagen!«

»Was die sagen, das ist mir gleich!«

»Das glaub ich wohl, aberst dem Dirndl darfs nicht auch so gleichgiltig sein wie Dir.«

»So soll sie wohl allein reisen?«

»Warum nicht?«

Der Alte machte bei dieser Frage wieder sein pfiffiges Gesicht. Johannes antwortete ihm:

»Man weiß ja gar nicht, was so einem unerfahrenen Dirndl unterwegs passiren kann.«

»O, das fährt mit der Eisenbahn, und heut zu Tag giebts halt keine Raubrittern mehr. Wißt Ihr denn, ob sie Geld zum Reisen hat?«

»Jedenfalls hat sie keins; aber desto mehr haben wir.«

»Ach so! Bist so reich, kleiner Hanns?«


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»Ich hab fast tausend Gulden.«

»Hm! Und die willst hergeben? Hast Dir denn auch überlegt, wohin sie fahren soll?«

»Nach Wien. Dahin reisen wir nach und dort wird es sich dann finden, was weiter geschieht.«

»Ja, Du handelst mit großem Gottvertrauen. Aberst ich weiß vielleicht was viel Besseres.«

»So sage es!«

»Wie nun, wann sie mit mir fahren thät?«

»Mit Dir? Das wäre ja prächtig, wannst Du Dich ihrer annehmen wolltest!«

»Nun, wannst mir ein gutes Wörtle giebst, so entschließ ich mich vielleicht dazu.«

»Thu es, thu es!«

Er reichte ihm bittend die Hände hin. Sepp schlug ein und lachte:

»Ja, so ists, dem alten Sepp wird eben Alles auf den Rücken gebunden. Aberst er ist das Schleppen gewöhnt, und so mag es halt sein.«

»Wir danken Dir, lieber Sepp! Nun ist doch schon die wichtigste Frage erledigt.«

»O, die anderen sind halt ebenso wichtig. Wie wollt Ihr sie denn herausbekommen?«

»Wir gehen wegen dem Bild noch einmal hin und nehmen heimlich den Schlüssel weg. Das haben wir Dir ja bereits gesagt.«

»Ja, ich besinne mich darauf. Meint Ihr denn, daß Ihr den Schlüssel so leicht bekommt?«

»Wir müssen ihn haben, also werden wir ihn auch bekommen.«

»Schön! Und dann wollt Ihr den Juden betrunken machen? Das habt Ihr Euch gar nicht übel ausdacht, Ihr Sakkermenter! Aberst wohin dann mit dem Dirndl, wann es Euch wirklich gelungen ist, sie herauszubringen?«

»An irgend einen verborgenen Ort.«

»Das kannst bald sagen, aberst Du mußt ihn natürlich vorher wissen.«

»Leider sind wir zu wenig bekannt hier.«

»Und ich noch viel weniger. Und dennoch weiß ich bereits so einen passenden Ort.«

»Ah? Welcher ists?«

»Kein verborgener, sondern ein sehr öffentlicher.«

»Da sieht man sie doch!«

»Schadet nix. Man wird sie da allerdings sehen, aber nicht erkennen. Dafür sorge ich.«

»So sag, welchen Ort Du meinst!«

»Meinen Gasthof.«

»Hotel Europa, wo Du mit dem Könige wohnen willst?«

»Ja.«

»Du, das ist zu gefährlich!«


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»O nein, sondern es ist sicherer als alles Andere. Es ist sehr gut, daß ich noch nicht dort gewest bin. Jetzund kann ich mich darnach verhalten. Ich hab Zimmer in dera ersten Etagen für Herrn Ludwigen zu bestellen. Für mich wollte ich eins in dera zweiten Etagen nehmen. Nun aberst werde ich zwei Stuben nehmen, eine für mich und eine für die Anita. Ich werd gleich, wann ich sie bestell, sagen, daß meine Tochter mit dem letzten Zug ankommen wird.«

»Könntest denn noch so eine junge Tochter haben?«

»Warum nicht? Und wannst meinst, daß es besser sei, so werd ich sie für meine Enkelin ausgeben.«

»Das ist jedenfalls besser. Aberst denk daran, wie sie gekleidet ist!«

»Das macht mir halt keine Schmerzen. Diesem Fehler kann leicht abgeholfen werden. Wir kaufen ihr, was sie braucht.«

»Das müßte aber vorher geschehen.«

»Versteht sich ganz von selbst. Ihr könnt bis neun Uhr zu dem Juden kommen. Bis dahin haben wir genug Zeit, einen Anzug zu kaufen.«

»Nicht nur einen Anzug, sondern auch Wäsche!«

»Bist ja recht fürsorglich, Hanns!«

»Ich bin Derjenige, an den sie sich gewendet hat, und so bin auch ich es, der für sie sorgen will. Später soll sie bei meinen Eltern in dera Thalmühlen wohnen.«

»Du, dieser Gedank ist nicht ganz übel. Das könnt das Allerbeste für sie sein.«

»Ich denk dasselbige auch. Also wir müssen ihr Alles kaufen, auch einen Schirm und Handschuh und einen Hut nebst Schleier, den sie übernehmen muß, wann sie in das Hotel kommt, damit ihr Gesicht nicht gesehen wird.«

»Ja, das ist schon Alles gut. Aberst wer giebt mir denn das viele Geldl dazu her?«

»Ich.«

»Schön! Und ich werds derweilen auslegen.«

»Das ist nicht nöthig. Ich hab Geld.«

»Schweig, Hanns! Du mit Deinen paar Kröten brauchst nicht so dick zu thun. Da bin ich ein noch ganz anderer Kerlen. Du hast noch für Dich zu sorgen; ich aber kann eher ein Geldl für Andere ausgeben. Es fragt sich nur, ob ihr das, was wir kaufen, auch passen wird.«

»Warum nicht? Ich kenne ja ihre Gestalt.«

»Ist sie groß?«

»Nein. Du mußt grad so thun, als obst die Sachen für meine Schwester kaufen wolltest, weißt, für das Lisbetherl.«

»Hat sie denn die ihrige Gestalt?«

»Ganz genau.«

»So mags gehen. Wann wir nur einen Ort finden, an welchem sie sich ungestört umziehen kann, bevor ich sie mit in das Hotel nehme.«

»Das ist gar nicht nöthig,« meinte Max. »Sie braucht ja gar nicht


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den ganzen Anzug anzuziehen. Wann sie einstweilen einen Regenmantel übernimmt, Stiefeletten, Handschuh, den Hut und Schleier dazu, so ists genug.«

»Richtig. Das Uebrige kann sie in dem Hotel anlegen. Da hast Recht. Ich möcht das Gesicht sehen, welches dera Jud machen wird, wann er am nächsten Morgen bemerkt, daß sie fort ist.«

»Es ist ihm zu gönnen.«

»So hältst ihn also wirklich für einen schlechten Kerlen?«

»Natürlich! Wer so ein bravs Dirndl unglücklich machen will, der ist jedenfalls schlecht. Wer weiß, was für andere Sachen er außerdem noch macht, denn er correspondirt unter einem falschen Namen.«

»So? Mit wem denn?«

»Das weiß ich nicht. Die Brief kommen aus Wien.«

»Das weißt auch schon?«

»Ja. Er sprach mit seiner Frau davon. Sie sollt nachsehen, ob ein Brief poste restante da wär an Herrn Gärtner.«

Der Sepp fuhr von seinem Stuhle auf und rief:

»Was sagst da?«

»Hasts nicht verstanden?«

»Wie war dera Name?«

»Herr Gärtner.«

»Das hast richtig hört?«

»Ganz genau und dera Johannes ebenso.«

»Sappermenten! Wanns wahr wär!«

»Was denn?«

»Einen Herrn Gärtner such ich mir.«

»Wo? Hier etwa?«

»Wo er zu finden ist, das hab ich nicht wußt. Aberst es scheint, daß er hier wohnt. Verzähl mir doch mal ganz genau, was der Jud mit seiner Frauen sprochen hat!«

Max wiederholte die Worte, welche das Ehepaar mit einander gewechselt hatte. Da schlug der Sepp mit der Faust auf den Tisch, daß die Biergläser wackelten und sagte, aber leise, denn er bemerkte, daß die anderen Gäste auf sein Gebahren aufmerksam geworden waren:

»Hols dera Teuxel, es ist so! Ich bin auf der ganz richtigen Spur. Ich hab den Kerl!«

»Wen meinst denn?«

»Den Juden. Wie heißt er gleich?«

»Baruch Abraham!«

»Schön! Diesen Namen werd ich mir sehr genau merken, denn es ist dera Nam von einem Kerlen, mit dem ich ein Wort zu reden hab.«

»Was ist denn mit ihm?«

»Er handelt mit Dirndln.«

»Wie so handeln?«

»Könnt Ihr Euch das nicht denken? Es giebt in Wien einen Menschen,


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der schickt ihm schöne Dirndln zu. Er bezahlt für eine Jede zwanzig Gulden, und was er dann mit ihnen macht, das kann man sich ja denken. Er verkauft sie in die Schand und das Elend hinein.«

»Ists wahr?« fragte Johannes. »Herrgott, da müssen wir uns beeilen, damit es der Anita nicht ebenso dergeht!«

Er wollte aufspringen. Sepp hielt ihn zurück und sagte lachend:

»Nur sacht! Du wirst die Welt auch nicht sogleich in zwei Minuten einreißen können. Was willst jetzt sogleich anfangen? Gar nix.«

»Aber so bedenke doch die Gefahr, in welcher sich Anita befindet! Bedenke dieselbe!«

»Kannst Du sie etwa gleich jetzt befreien?«

»Nein, aber -«

»Aber - was denn? Gar nix! Was soll Dir Deine Ungeduld helfen, he? Bleib sitzen und trink Dein Bier!«

»Herrgott, das soll ich aushalten?«

»Du mußts aushalten. Andere stecken noch in viel größerer Gefahr, als die Anita.«

»Aberst die gehen mich nix an!«

»So? Was geht Dich denn die Anita an?«

»Die kenne ich.«

»Von dem einen Male anschauen? Pah! Es giebt eine alte, gute Bekannte von mir, die steckt in noch viel schlimmerer Gefahr als die Deinige.«

»Aber nicht hier, nicht in einer solchen!«

»Grad hier und grad in der ganz selbigen.«

»Wer wäre das?«

»Die Paula von dera Thalmühlen.«

»Bist des Teuxels!«

»Nein. Sie ist auch verkauft worden an denselbigen Herrn Gärtner.«

»Sepp, ist das wahr?«

»Ja, ich weiß es ganz genau.«

»Das kann ich nicht glauben.«

»Wirst schon glauben müssen, wann ich es Dir verzähle. Wir haben in Wien einen Kerl arretirt, welcher solche Dirndl an sich gelockt und verkauft hat. Er hat eine Liste darüber angelegt, und auf derselben hat auch standen 'Paula Kellermann, Müllerstochter aus Scheibenbad'. Nun, ist das der richtige Name?«

»Der ists allerdings.«

»So brauchst auch nicht zu zweifeln. Die Paula ist verschollen. Kein Mensch kennt ihren Aufenthalt.«

»Derjenige muß ihn doch kennen, der sie verkauft hat!«

»Der hat aberst gar nix einstanden!«

»So muß man ihn zwingen.«

»Womit?«

»Mit Prügeln, wanns nicht anderst ist.«


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»Das ist verboten. Man hat nix weiter derfahren, als daß diese Madels alle an einen Herrn Gärtner verkauft sind, der sie bezahlt hat.«

»Die Frau des Juden sagte doch, daß er Geld nach Wien schickt habe.«

»So stimmt es ganz genau. Dera Jude ists.«

»So hat er am End auch die Paula bei sich?«

»Kann sein. Vielleicht ist sie in seinem Haus.«

»O nein. Die Anita hat sagt, daß die Anderen schlecht seien, mit ihrem Schicksal ganz zufrieden. Das kann bei dera Paula nicht der Fall sein.«

»Nein. Eher befindet sie sich in dera Höhlen, von welcher die Anita erzählt hat.«

»Das ist möglich. Aberst wo mag diese Höhlen sein?«

»Hat sie es nicht sagt?«

»Sie hat es nicht wußt.«

»Das ist schlimm. Wir müssen es erfahren.«

»Von wem?«

»Von dem Juden.«

»Aber wie? Er wird sich hüten, sein Geheimniß zu verrathen. Das thut er nicht.«

»Vielleichten doch, wann man es klug anfängt.«

»Wie willsts denn anfangen?«

»Das weiß ich noch nicht. Ich muß es mir vorher überlegen. Wann dera richtige Augenblick da ist, wird sich schon auch dera gute Gedanke einstellen.«

»Magst nicht die Polizei zu Hilf nehmen?«

»Danke sehr!«

»Es ist aberst wohl das Beste.«

»Das Allerdümmste. Es dauert mir viel zu lang, und die Herren bringen doch nix heraus. Selber ist der Mann. Laßt mich nur gehen!«

Er that einen tiefen Zug und dachte schweigend nach. Nach einer Weile schnippste er mit den Fingern und sagte:

»Ich habs, ich habs! Ja, dera Wurzelsepp weiß schon, wo man den Floh anfassen muß, wenn man ihn fangen will!«

»Nun, was willst thun?« fragte Max.

»Ich werd mit nach dera Restauration gehen, in welcher Ihr den Wein trinken wollt.«

»Mit uns?«

»Nein, allein.«

»Was willst denn dort?«

»Mit dem Juden reden.«

»Ihn etwan ausfragen?«

»Ja.«

»Da wird er nicht mitthun.«

»Oho! Er wird gern mitthun. Darauf könnt Ihr Euch gern und gut verlassen.«


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»Wie willst das anfangen?«

»Das laßt nur meine Sach sein. Die Frag ist nur, welche Restaurationen es sein wird.«

»Das können wir ja vorher bestimmen.«

»O nein, denn Ihr wißt ja gar nicht, ob dera Jud auch mit in diejenige gehen wird, die Ihr Euch ausgewählt habt.«

»Warum nicht?«

»Weil sie ihm nicht paßt. Solche Leutln, wie er einer ist, gehen halt nicht überall mit hin. Nein, Ihr müßt ihm die Wahl lassen.«

»So weißt Du aberst nicht, wo es ist.«

»Ich werds derfahren. Ich geh hinter Euch her, wann Ihr zu ihm geht, und bleib von fern so lang stehen, bis Ihr herausi kommt. Dann lauf ich Euch wieder nach. Auf diese Weis derfahr ich, wo Ihr seid.«

»Das kann angehen. Was aber dann?«

»Nun, ich wart ein Weilchen und tret dann auch mit eini. Ich setz mich zu Euch; aberst Ihr dürft mich nicht kennen. Das Uebrige wird sich nachhero finden.«

»Wannst mit ihm allein reden willst, dürfen wir doch nicht dabei sein.«

»Ich werd mit ihm allein sein, wann Ihr das Dirndl holt. Das ist genug. Ihr könnt mir ja ein Zeichen geben, ob Ihr den Schlüssel habt oder nicht.«

»Wir bekommen ihn auf alle Fälle. Schwerer aber ist es, ihn wieder hinein an den Nagel zu bringen.«

»Nix ist leichter als das.«

»Wieso?«

»Ich häng ihn hin.«

»Du? Wie willst das anfangen?«

»Auf das Allereinfachste. Wann Ihr das Dirndl habt, geht Ihr mit demselbigen an einen Ort, wo es sich einstweilen verstecken muß, und dann kommt Ihr wieder in die Restaurationen. Das könnt Ihr Alles so schnell macht haben, daß dera Jud denkt, Ihr seid nur mal draußen im Hof gewest. Ihr gebt mir heimlich den Schlüssel, und ich geh mit dem Juden nach seiner Wohnung.«

»Was willst dort?«

»Eben den Schlüssel hin hängen,« lachte der Alte. »Frag mich nicht so viel, sonst wirst ganz irr. Es kann ja Alles ganz anderst kommen, als wir es hier ausmachen. Darum ists viel klüger, wir besprechen nicht Alles auf das Eingehendste. Jetzund ists sieben Uhr. Wir wollen aufbrechen. Ich geh nach dem Hotel Europa und bestell meine Zimmer. Ihr wartet vor dem Hause auf mich.«

»Wollen wir nicht lieber gleich die Sachen für Anita einkaufen? Die kannst gleich mitnehmen.«

»Hast auch Recht.«

Sie bezahlten ihre Zeche und gingen. Die kleinen Einkäufe waren bald


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besorgt. Was Anita gleich anlegen sollte, wurde in ein separates Packet gethan, welches Johannes trug. Das Andere nahm der Alte mit sich in das Hotel, vor welchem die beiden Freunde auf ihn warteten.

Als er zurückkehrte, führten sie ihn zunächst nach der Hofseite der Judenwohnung und zeigten ihm das Mauerpförtchen. Dann wurde ein Platz gesucht, an welchem sich Anita für kurze Zeit allein verbergen konnte. Es fand sich sehr bald ein solcher.

Ganz in der Nähe lag ein verwilderter Garten, der von einer trüben Straßenlaterne nur so spärlich erleuchtet wurde, daß der größte Theil desselben ganz im Dunkeln lag. Einige Zaunlatten waren abgebrochen, so daß ein nicht zu starker Mensch sehr leicht hineinkriechen konnte. Hier konnte Anita, wenn sie sich da in die Sträucher verbarg, von Niemandem gefunden werden.

Nun promenirten die Drei noch so lange, bis es neun Uhr schlug. Dann begaben sie sich nach dem Gäßchen, in welchem der Jude wohnte, Max und Johannes voran und der Alte eine Strecke hinter ihnen.

Baruch Abraham hatte gewartet. Er stand unter der Thür. Er bemerkte nicht, daß den Beiden noch ein Dritter folgte.

»Da kommen wirklich die hohen Herren,« sagte er. »Fast habe ich gedacht, daß sie nicht Wort halten würden.«

»Ich habe ja gesagt, daß wir unser Wort niemals brechen,« sagte Max.

»Aber es hat bereits neun geschlagen.«

»Vor kaum einer Minute. Ist das Bild noch da?«

»Ja. Wo sollte es sein hin?«

»Sie könnten es einstweilen verkauft haben.«

»O nein. Es war Einer da, welcher es wollte kaufen zu einem guten Preise, aber ich habe ihm gesagt, daß -«

»Still, Jude! Uns machst Du das nicht weiß!«

»Gott der Gerechte! Warum sollt ich weiß machen Ihnen eine Lüge, wenn diese Lüge ist die vollste, reinste Wahrheit!«

»Schweig! Diese Sachen kennen wir. Führe uns hinein!«

Er brachte sie in dasselbe schmutzige Gewölbe, in welchem sie sich bereits einmal befunden hatten. Es brannte ein kleines Lämpchen da, welches kaum den vierten Theil des Raumes erleuchten konnte.

Johannes trat sofort zu dem Bilde und begann, es nochmals zu betrachten. Max that so, als ob er sich einstweilen noch nicht dafür interessire. Er sah sich verschiedene Kleinigkeiten an und fragte nach dem Preise derselben. Dabei entfernte er sich mehr und mehr von den Beiden und gelangte so zu der Hofthür. Es war da zu dunkel, als daß er den Schlüssel deutlich hätte sehen können. Er warf einen Blick nach dem Juden; dieser kehrte ihm gerade jetzt den Rücken zu. Ein schneller, leiser Griff - der Schlüssel hing da und befand sich im nächsten Augenblicke in Maxens Tasche.

Dieser kehrte wieder zu den beiden Andern zurück und betheiligte sich nun in der Weise an dem Handel, daß Max das Bild für fünfundzwanzig Gulden erhielt.


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»Ich thue einen Schwur bei dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs,« sagte der Jude, »daß ich so ein Bild noch nie so billig verkauft habe. Aber ich bin gewesen nobel, weil ich denk, daß die hohen Herren nun werden auch sein nobel.«

»Natürlich sind wir das: Wir werden den Preis sofort bezahlen.«

»Das versteht sich ganz von selbst. Das ist es auch gar nicht, was ich meine.«

»Was denn?«

»Ich meine das Versprechen, welches mir haben die Herren -«

»Welches Versprechen?«

»Das von dem Wein und den Cigarren.«

»Ach so! Das war ja Scherz.«

Er that nur so, daß der Jude nicht denken solle, es liege ihnen viel daran, ihn zu entfernen.

»Gott der Gerechte! Wer wird sprechen von einem Scherz, wenn es ist gewesen Ernst.«

»Vom Ernst ist keine Rede.«

»So hätten Sie geben müssen für das Bild wenigstens fünfzehn Gulden mehr.«

»Reden Sie nicht, Alter! Wir haben es wirklich theuer genug bezahlt.«

»Wenn die Herren sprechen und handeln in dieser Weise, so sind sie freilich nicht so nobel wie der arme Baruch Abraham, welcher ihnen hat geschenkt den halben Preis des Bildes, weil er hat geglaubt, daß sie werden halten das gegebene Wort.«

»Nun, das wollen wir freilich nicht von uns sagen lassen. Giebt es denn hier in der Nähe eine passende Restauration?«

»Warum sollte es nicht geben hier eine solche. Trinken wir nicht auch gern ein Weinchen von guten Eigenschaften? Und muß nicht liegen die Weinstube ganz in der Nähe, weil wir nicht haben Zeit zu laufen weit weg von daheim?«

»Wo ist es denn?«

»Nur drei Häuser von hier, wo da geht das Seitengäßchen ab nach rechts. Dort giebt es einen koscheren Wein, auch Knoblauch und Zwiebeln, sogar Cognac mit Sardellen und Austern. Die Herren werden finden Alles, was ihr Herz begehrt.«

Die Lage der Weinstube war den Beiden höchst angenehm. Mit Hilfe des erwähnten Seitengäßchens konnten sie in einer Minute hinter den Hof des Juden gelangen. Auf diese Weise hofften sie bei der Entführung nur wenig Zeit verbringen zu müssen, so daß ihre Entfernung gar nicht auffallen konnte. Darum antwortete Max:

»Gut, so gehen wir mit, natürlich vorausgesetzt, daß das Local ein anständiges ist.«

»Anständig? Warum soll es nicht sein anständig? Verkehren doch da lauter feine Leute!«


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»Oho!«

»Ja. Und speist man da die größten Delicatessen per Karte und auch per Menu, wie man hat die Zeit, die Lust und das Geld.«

»Schön! Wollen sehen.«

»Nehmen die Herren die Bilder und Bücher gleich mit?«

»Nein. Wir lassen die Sachen durch den Packträger holen, morgen Vormittage gleich.«

»So können wir gehen. Ich muß aber erst sehen, ob Alles ist in Ordnung im Hause und im Hofe.«

Das war gefährlich. Er konnte ja leicht auf den Gedanken kommen, den Schlüssel dabei gebrauchen zu müssen. Darum entgegnete Max:

»Halt, Baruch Abraham, das paßt uns nicht. Es fällt uns nicht ein, so lange auf Sie zu warten.«

»So gehen Sie voran!«

»Auch das fällt uns nicht ein. Wer mit uns trinken will, kann auch mit uns gehen.«

»So will ich sagen Sarah, meiner lieben Frau Gemahlin, wohin ich gehe!«

»So lange warten wir allenfalls.«

»Dann bitt ich die Herren, zu warten draußen vor der Hausthür auf mich.«

Also nicht im Gewölbe, nicht einmal im Hausflur ließ er sie warten. Wie leicht hätten sie auf die Idee kommen können, Etwas von seinem alten Rummel zu stehlen!

Sie thaten ihm den Willen und gingen vor das Haus, während er das Gewölbe zuschloß und dann zu seiner Frau hinaufging.

Als sie sich draußen umblickten, sahen sie Sepp an einer dunklen Hausthür lehnen.

»Pst, Sepp!« machte Max.

Der Alte kam schnell herbeigehuscht. Es befand sich auf der Gasse ja kein Mensch, der das hätte beobachten können.

»Was giebt es denn?«

»Willst Du etwa nachher so thun, als ob Du mit ihm hast reden wollen?«

»Jawohl.«

»Er ist eben bei seiner Frau, um ihr zu sagen, wohin er geht.«

»Schön! So werde ich zum Schein bei ihr fragen. Gut, daß Du mir das sagst.«

»Wir gehen nur drei Häuser weit bis an das Gäßchen dort.«

»Das ist sehr gut. Da es so steht, komme ich erst gegen zwölf Uhr nach. Laßt ihn nicht eher fort. Und gieb mir das Kleiderpacket, Max.«

Er nahm das Päcktchen aus Maxens Hand und huschte fort, in das Gäßchen hinein bis hinter den Hof des Juden. Dort ging er weiter bis an den Garten, in welchen sich Anita verstecken sollte. Dort lauschte er eine Weile,


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und als er sich überzeugt hatte, daß kein Beobachter zugegen sei, kroch er durch die Lücke der abgebrochenen Latten in den Garten.

Hier recognoscirte er genau. Er fand eine ganz dunkle Hinterecke, welche zwischen Strauchwerk mit dichtem, hohem Gras bewachsen war. Dahinein steckte er das Packet und kehrte sodann durch den Zaun nach dem Weg zurück.

Er suchte eine entfernter liegende Restauration auf, in welcher er bis halb Zwölf wartete. Dann ging er nach dem Gäßchen und nach dem Hause des Juden zurück.

Alle Fenster waren dunkel. Die Laternen waren verlöscht. Man schien nicht der Mühe werth zu halten, hier in diesem Quartier den kostbaren Brennstoff zu vergeuden. Er tappte an der Thür und rechts und links von derselben herum und fühlte einen Klingelzug.

Als er an demselben zog, hörte er die Klingel leise erschallen. Sie befand sich nicht im Hausflur, sondern wohl in der Schlafstube des Besitzers.

Es dauerte sehr lange, ehe er ein antwortendes Lebenszeichen verspürte. Endlich vernahm er schlürfende Pantoffelschritte, und durch die Ritzen der Thür war ein Lichtschein zu erkennen. Eine schnarrende, alte Stimme fragte von innen:

»Wer ist draußen?«

»Ein Bote,« antwortete der Sepp. »Ist Baruch Abraham daheim?«

»Nein.«

»Wo ist er denn?«

»Was wollen Sie denn?«

»Das werde ich ihm sagen.«

»Wer sind Sie denn?«

»Auch das wird nur er erfahren.«

»Woher kommen Sie denn?«

»Nun, ich bin aus Wien und komme geraden Wegs von dort.«

»Aus Wien. Gott der Gerechte! Sie sagen, Sie seien ein Bote. Wer sendet Sie denn?«

»Der Baron von Stubbenau.«

»Der Baron! Ach, gleich!«

Er hörte einen Riegel zurückschieben und einen Schlüssel in das Schloß stecken, welches sich nur langsam öffnen ließ. Dabei hatte er Zeit zu dem Gedanken:

»Wie ist mir denn? Max und Hanns sagten, die Alte höre schwer, und hier hört sie doch Alles so genau, obgleich wir nur halblaut sprechen. Dieses alte Laster weiß sich gut zu verstellen!«

Da ging die Thür auf; die Alte öffnete, aber nicht völlig, und winkte ihn hinein. Er trat ein, und sie beleuchtete ihn. Als sie sein martialisches, soldatisches Aeußere erblickte, machte sie einen ergebenen Knix und sagte:

»Willkommen, Herr! Also Sie kommen wirklich von dem Baron von Stubbenau?«

»Ja.«

»Und wissen auch, in welcher Angelegenheit?«


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»Natürlich!«

»Haben Sie ein Schreiben mit?«

»Nein.«

»Warum nicht?«

»Weil die Sache der Art ist, daß man sie nicht gern dem Papier anvertraut.«

»Schön! Diese Vorsicht ist gut. Aber wenn Sie nichts Schriftliches haben, muß er Ihnen wenigstens das Erkennungswort gesagt haben.«

Jetzt befand sich Sepp in großer Verlegenheit; aber er antwortete wacker drauf los:

»Wir wurden gestört. Er sagte es mir zwar, aber ich achtete nicht darauf.«

»Das ist schlimm, denn da wird mein Mann Ihnen keinen Glauben schenken.«

»Das wäre sehr unangenehm. Stubbenau rief es mir noch nach, aber ich weiß nicht, ob ich es richtig verstanden habe.«

»Nun, wie haben Sie denn verstanden?«

»Es war ein Hauptwort.«

»Allerdings.«

»Ein Name.«

»Ja, sein eigener, eigentlicher Name, den nur die Eingeweihten kennen.«

Jetzt wurde dem Alten das Herz leicht. Diesen Namen kannte er ja. Er antwortete:

»Sie mögen selbst beurtheilen, ob ich richtig verstanden habe. Er rief mir das Wort 'Salek' nach und bat, ich solle es nicht vergessen.«

»Das ist richtig. Sie haben nicht falsch verstanden. Sie sind legitimirt und mein Mann wird Ihnen nun Glauben schenken.«

»Wo ist er?«

»In einer nahen Restauration, das dritte Haus rechts von hier. Die Thür steht die ganze Nacht hindurch offen. Gehen Sie aber nicht in die vordere Stube, wo nur Schnaps getrunken wird, sondern gleich in die hintere, in welcher nur die feinen Gäste sitzen. Dort werden Sie ihn mit zwei jungen Herren sehen.«

»Schön! Ich danke Ihnen!«

»Bitte! Sagen Sie ihm, er solle nicht lange fortbleiben. Ich schlief schon, als Sie klingelten, und werde mich sogleich wieder schlafen legen. Da ist es sehr gut, wenn der Mann daheim ist. Wie geht es dem Herrn Baron?«

»Danke! Nach Verhältniß leidlich.«

»Wird er uns bald wieder Mädels senden?«

»Ja.«

»Und Anderes? Juwelen?«

»Auch.«

»Prächtig! Ich ahne, daß Sie so Etwas bringen?«

»Ich darf natürlich noch nichts verrathen.«


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»Ganz recht.«

»Also schlafen Sie wohl!«

»Gute Nacht!«

Sie machte abermals einen Knix, ließ ihn hinaus und verschloß und verriegelte die Thür.

»Alle Teuxel, war das ein Glück!« murmelte er. »Da habe ich das richtige 'Sesam, Sesam, thue dich auf' entdeckt! Also 'Salek' ist das Wort, das Erkennungszeichen. Das ist ja sehr gut!«

Er schlenderte nun nach der Kneipe.

Diese sah gar nicht so aus, als ob sie anständige Leute zu beherbergen vermöge. Sie war ein niedriges, hölzernes Gebäude, dessen Thürinschrift jetzt in der Dunkelheit nicht zu lesen war. Im offenstehenden Flur brannte ein Lämpchen, welches in einer Glasglocke hing.

Er schritt an der Thür vorüber, welche nach der vorderen Gaststube führte. Als er die zweite öffnete, strömte ihm eine dicke, von Rauch und allerlei penetranten Gerüchen geschwängerte Luft entgegen, die ihn beinahe zurückwarf.

Dennoch trat er ein.

Die Stube war klein. Von den vier da befindlichen Tischen waren nur zwei besetzt. An dem einen, dem hintersten, saßen Max, Johannes und der Jude. Sie hatten bereits ein halbes Dutzend leere Flaschen neben ihrem Tische stehen. Der Jude dampfte aus seiner Cigarre wie ein Stadtsoldat; es kostete ihm ja nichts.

Sepp setzte sich an den dritten Tisch und bestellte sich eine Flasche Wein. Den an dem zweiten Tische sitzenden Männern schenkte er zunächst keine Aufmerksamkeit.

Das Local hatte das Aussehen einer Gaunerkneipe, und auch der Wirth, welcher schläfrig hinter dem Ofen hockte, machte diese Ansicht keineswegs zu schanden.

Es war dem Juden deutlich anzusehen, daß der Wein bei ihm bereits seine Wirkung gethan hatte. Er blickte ziemlich stier vor sich hin, und dann, wenn einer seiner beiden jungen Gesellschafter auf ihn sprach, raffte er sich mit Gewalt zu einer Antwort auf. Dann wurde er für einige Augenblicke lebhaft, schwatzte schnell und viel durch einander und versank dann wieder in stumpfes Schweigen.

Als Sepp Max einen fragenden Blick zuwarf, nickte ihm dieser zu und machte, so daß es weiter Niemand sah, mit der rechten Hand die Bewegung des Thüraufschließens. Das sollte das Zeichen sein, daß er den betreffenden Schlüssel besitze.

Sepp wartete noch eine Weile und stand dann bereits im Begriffe, zu dem Juden hinzugehen, als er Grund bekam, dies zu unterlassen.

Es trat nämlich ein Kerl ein, welcher sich schnell umsah. Als er den Juden erblickte, glitt ein Zug der Befriedigung über sein Gesicht und er setzte sich an den vierten Tisch, welcher, wie bereits erwähnt, noch leer stand.

Aus seiner Miene war zu bemerken gewesen, daß er den Juden suche.


// 2343 //

Darum blieb Sepp noch sitzen, zumal sein Tisch ganz in der Nähe des vierten stand.

Er nahm eine der ausliegenden, schmutzigen Zeitungen in die Hand und that so, als ob er sich ganz in dieselbe vertiefen wolle.

»Was trinken Sie?« fragte der Wirth von seinem Stuhle aus den neuen Gast.

»Ein Glas Salek,« antwortete dieser, indem er das letztere Wort scharf und laut betonte.

»Dieses Getränk kenne ich gar nicht.«

»So geben Sie ein Glas sicilianer Weißen!«

Der Wirth brachte das Bestellte.

Baruch Abraham hatte den Eintretenden gar nicht bemerkt. Als er aber das scharf hervorgehobene Wort Salek hörte, blickte er auf. Ein Zug des Erkennens glitt über sein altes Gesicht. Er wartete, bis der Mann sein Glas erhalten und der Wirth sich wieder gesetzt hatte; dann stand er auf und trat schwankenden Schrittes auf den Mann zu.

»Petruccio, Du?« fragte er. »Kommst Du aus Zufall hierher?«

»Nein,« antwortete der Gefragte. »Setze Dich!«

Er hatte einen italienischen Namen und auch seine Züge bestätigten, daß er ein Italiener sei, jedenfalls der niedrigsten Classe.

Der Jude setzte sich und fragte:

»Wußtest Du, daß ich hier bin?«

»Ja.«

»Von wem?«

»Von Deiner Frau.«

»War sie denn noch wach?«

»Nein. Ich habe sie herausgeklingelt. Sie hatte schlechte Laune, denn sie war bereits einmal geweckt worden, wie sie sagte.«

»Von wem?«

»Das weiß ich nicht, ich habe sie nicht gefragt.«

»Bist Du in Geschäften hier, oder kommst Du direct zu mir?«

»Direct. Der Steuermann war gegen Abend bei mir; er hat warten müssen, weil ich nicht daheim war. Drum komme ich so spät.«

»Der Steuermann? Was wollte er?«

»Er erkundigte sich, ob wir bereit seien. Der Capitän könne nicht warten. Er lichte morgen Abend die Anker.«

Beide hatten sichtlich die Absicht, so zu sprechen, daß Niemand es hören solle. Aber der Jude sprach in Folge seiner Trunkenheit lauter, als es gerathen war, und der Italiener verhielt sich ganz unwillkürlich ebenso. Sie steckten die Köpfe zusammen. Sepp hörte aber trotzdem jedes Wort.

»Morgen Abend schon?« meinte der Jude. »Das ist mir freilich nicht lieb.«

»Warum?«


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»Ich dachte, es solle noch eine Sendung kommen. Ich laure schon seit acht Tagen auf sie. Der Baron hat sie mir versprochen.«

»Ja, und der Capitän lauert ebenso, aber nun kann er nicht länger warten. Er hat vom Rheder eine Depesche bekommen, daß er sofort in See gehen soll.«

»Verflucht! Er hat doch noch nicht volle Fracht!«

»Thut nichts. Er nimmt andere.«

»So müssen wir uns eben fügen.«

»Schön. Kommst Du heraus?«

»Natürlich! Ich muß ihm das Volk doch übergeben. Ich muß unbedingt dabei sein, wenn er bezahlt.«

»Ich könnte das Geld auch übernehmen.«

»Nein, mein Junge, das wollen wir unterlassen.«

»Mißtraust Du mir? Denkst Du etwa, daß ich Dich betrüge?«

»O nein. Aber diesem Capitän Marmel traue ich nicht. Er ist ein Franzose.«

»Hat er Dich bereits betrogen?«

»Versucht hat er es, aber es ist ihm nicht gelungen. Wann kommt er?«

»Kurz nach Mitternacht will er an der Insel beidrehen und die Boote aussenden.«

»So bin ich kurz vorher bei Dir.«

»Wie steht es? Hast Du nichts nachzusenden?«

»O ja, Einige. Wir müssen sie also noch in dieser Nacht fortschaffen.«

»Gut. Ich nehme sie mit. Sie werden mir doch keine Scheerereien machen?«

»Nein. Nur Einer traue ich nicht. Es ist eine Italienerin. Sie heißt Anita und will sich nicht in ihr Schicksal finden.«

»Ist sie hübsch?«

»Sehr!«

»So muß sie. Je hübscher sie ist, desto mehr bekommen wir bezahlt. Und wenn sie nicht will, so wird sie gezwungen.«

»Aber kein Aufsehen erregen, kein Aufsehen! Hörst Du, Petruccio?«

»Natürlich! Sie wird gefesselt und wir verbinden ihr den Mund. Dann trage ich sie. Ich kenne ja die Schliche, so daß wir Niemandem begegnen.«

»Wirst Du denn allein fertig?«

»Ich habe meinen Bruder mit.«

»Das ist gut. Zu Zweien geht es besser.«

»Wann soll ich kommen?«

»Hm! Hast Du noch Zeit?«

»Warum fragst Du? Paßt es Dir jetzt nicht?«

»Nein. Erstens ist es noch zu zeitig. Es würden Euch Leute begegnen. Und zweitens befinde ich mich in angenehmer Gesellschaft.«

»Die beiden Knaben dort?«

»Knaben? Es sind feine Herren, Künstler.«


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»Hm!« brummte der Italiener, indem er Max und Hanns mit verächtlichem Blicke musterte.

»Ich sage Dir, sie sind fein,« wiederholte der Jude mit der Beharrlichkeit eines Betrunkenen. »Sie bezahlen meine Zeche.«

»Ja, wer das thut, der ist bei Dir fein.«

»Freilich sind sie nicht die Klügsten. Sie haben mir für fünfundzwanzig Gulden eine alte Klexerei abgekauft, für welche ich nur zwei Gulden gegeben habe, und ich hoffe, ihnen auch noch mehr aufzuhängen.«

»Gratulire. Aber wegen Deiner freien Zeche kann ich doch nicht bis früh warten.«

»Sollst Du das etwa? Die richtige Zeit ist zwei Uhr nach Mitternacht. Da sind selbst die Nachtschwärmer zu Bett.«

»So komme ich also um diese Zeit. Soll ich vorn klingeln, oder meinst Du, daß -«

»Nein, nein,« fiel der Jude rasch ein. »Vorn dürft Ihr Euch nicht blicken lassen. Kommt an die Hofthür!«

»Dann darfst Du uns aber nicht warten lassen.«

»Nein. Punkt zwei Uhr bin ich an der Pforte.«

»Hm! Baruch Abraham, könntest Du heute wirklich so pünktlich sein? Ich zweifle daran.«

»Warum?«

»Weil Du betrunken bist.«

»Betrunken? Ich? Herr meiner Väter! Baruch Abraham soll betrunken sein!«

»Ja, Du bist es. Du kannst nicht gerade stehen.«

»Ich nicht gerade stehen! Wer behauptet das? Das ist nicht wahr, das ist eine Lüge, ich werde es Dir gleich beweisen.«

Er wollte aufstehen, um den Beweis zu liefern; aber der Italiener hielt ihn am Arme nieder.

»Bleib sitzen, Alter, und rede leiser! Du machst ja die Leute aufmerksam auf uns!«

»Pah! Es schaut Niemand her.«

»Aber der Alte da neben uns könnte uns hören.«

»Der guckt in seine Zeitung, und übrigens sprechen wir ja leise. Wie geht es denn in der Höhle?«

»Nicht zum Besten. Ich habe noch selten solche Noth und Mühe mit den Hexen gehabt.«

»So weißt Du ja, was zu thun ist!«

»Meinst Du Prügeln?«

»Ja. Hunger und Hiebe!«

»Schon gut, aber ich unterlasse es doch lieber, denn darunter leidet das Aussehen der Waare, und dann wird weniger gezahlt. Diese verdammte, bayrische Fratze macht mir viel zu schaffen.«


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»Bayrisch?« fragte der Jude, indem er den Finger an die Stirn legte, zum Zeichen, daß er nachdenke. »Haben wir eine Bayerin?«

»Natürlich! Die Schmuckste von Allen.«

»Ah, ich besinne mich! Sie ist eine Müllerstochter?«

»Ja. Sie läßt sich Paula nennen anstatt Pauline. Sie hat mir eine förmliche Verschwörung angezettelt, welche gestern zum Ausbruch kommen sollte. Zum Glück waren Andere so gescheidt, nicht mitzumachen und es mir zu verrathen. Sie wollten nicht frei sein; sie sehnen sich nach Kalifornien, nach dem Goldlande, wo sie steinreiche Männer bekommen, diese albernen Weibsen.«

Er lachte cynisch vor sich hin. Der Jude aber sagte in warnendem Tone:

»Laß ihnen diese Gedanken! Mache sie ja nicht kopfscheu. Sie werden ja später erfahren, was mit ihnen geschieht.«

»Natürlich, natürlich! So klug bin ich selber schon. Aber glaubst Du denn, daß es mir an das Leben gehen sollte?«

»Unmöglich!«

»Ja, an das Leben. Diese Mädchens wollten ausbrechen, mit Gewalt, allerdings möglichst ohne Blutvergießen, aber wenn wir Beide, ich und mein Bruder, uns widersetzten, sollten wir erschlagen werden.«

»Sollte man das glauben!«

»Von solchen Mädels! Aber die Bayerin hatte es angestiftet und gesagt, daß sie selbst mich unbedingt erschlagen werde, wenn ich Widerstand leiste.«

»Du hast sie natürlich unschädlich gemacht? Donnerwetter! Das ist ja ein couragirtes Frauenzimmer! Sie ist doch keine Riesin!«

»Die Bayerinnen sollen alle so sein.«

»So ist es gut, daß wir selten welche haben. Aber wenn ihnen auch der Plan geglückt wäre, wie hätten sie von der Insel kommen wollen?«

»Auf unserm Segelboot.«

»Wissen sie denn den Versteck desselben?«

»Nein; das ist eben das Gute. Sie haben geglaubt, wir binden es am Landungsplatze an.«

»Da hätten sie allerdings rathlos dagestanden. Du hast aber doch wenigstens dieser Müllerstochter die Peitsche gegeben?«

»Mein Bruder wollte, ich aber war dagegen. Was konnte es uns nützen? Ich habe sie gefesselt und abseits gesteckt. Aber als vorhin der Steuermann kam, erzählte ich es ihm. Er lachte in seiner grimmigen Weise und versprach mir, daß sie auf dem Schiffe die neunschwänzige Katze bekommen solle. Bis sie nach Amerika kommt, sind dann die Narben geheilt, so daß es keinen Schaden macht.«

»Das mag besser sein. Hast Du noch Etwas zu sagen?«

»Nein.«

»So gehe jetzt! Man weiß nicht, wer kommt, und es ist gut, man sieht uns nicht beisammen.«

»Also um Zwei?«


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»Ja.«

»Und vor der Einschiffung bekomme ich mein Geld?«

»Natürlich! Ich gebe die Mädels ohne Bezahlung nicht her. Stück für Stück hundert Gulden, für die Schönheiten aber noch mehr.«

»So will ich gehen. Aber sei vorsichtig!«

»In welcher Beziehung?«

»Du bist betrunken. Rede dort mit den beiden Kerls nicht etwa von Dingen, die - - -«

»Unsinn! Hältst Du Baruch Abraham für einen Dummkopf, für eine Plaudertasche?«

»Nein; aber der Wein macht redselig.«

»Mich nicht. Je mehr ich trinke, desto verschwiegener werde ich. Bei Euch Italienern ist es freilich anders.«

»Oho! Bei den beiden Brüdern Petruccio ist nichts herauszulocken, nicht einmal durch Champagner; das wissen alle Leute in Barcola.«

»Wollen es hoffen. Also gute Nacht bis auf zwei Uhr Morgens.«

»Gute Nacht!«

Der Jude taumelte nach seinem Platze zurück, und nach kurzer Zeit entfernte sich der Italiener.

Die Uhr zeigte jetzt ein Wenig über zwölf Uhr. Der Sepp zog einen kleinen Zettel aus der Tasche und schrieb mit Bleistift darauf:

»Die Kleider für Anita liegen in dem Garten, hinterste Ecke links unter den Büschen. Sie mag sie anlegen, während sie dort wartet.«

Diesen Zettel steckte er in die Tasche, so daß er ihn leicht zur Hand hatte. Dann stand er auf und schritt langsam an den Tisch, an welchem der Jude saß.

»Verzeihung,« sagte er, »ich suche Herrn Baruch Abraham hier.«

»Der bin ich,« antwortete der Genannte, indem er höflich aufstand.

»Bitte, bleiben Sie sitzen, und erlauben Sie mir lieber, bei Ihnen Platz zu nehmen!«

Der Jude schaute ihn verwundert an; Max und Hanns aber rückten schnell zu, so daß der alte Sepp neben dem Juden Platz fand. Dabei zog er den Zettel heraus und gab denselben Max, ohne daß Baruch Abraham es bemerkte.

»Sie suchen mich hier?« fragte der Letztere. »So haben Sie gewußt, daß ich hier bin?«

»Ja.«

»Von wem?«

»Von Ihrer Frau. Ich klingelte.«

»Ah, so sind Sie Derjenige gewesen, der vor Petruccio da war.«

Wäre er nicht betrunken gewesen, so hätte er sich gehütet, diesen Namen zu nennen.

»Petruccio? Wer ist das?«

Durch diese Frage wollte Sepp in dem alten Menschenhändler die Ueber-


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zeugung erwecken, daß er wirklich in die Zeitung vertieft gewesen sei und auf das Gespräch nicht geachtet habe.

»Ein Bekannter,« antwortete der Jude. »Sie waren so spät bei mir. Warum?«

»Geschäfte.«

»Mein Laden ist nur bis acht Uhr auf.«

»Für mich vielleicht auch später.«

Der Jude fixirte ihn mit neugierigem und mißtrauischem Blicke und meinte dann:

»Für Niemanden eigentlich, wenn nicht etwas ganz Nothwendiges vorkommt.«

»Es ist nothwendig.«

»So! Wollen Sie etwas kaufen oder verkaufen?«

»Verkaufen.«

»Was?«

»Ein Gemälde, ein Seestück von der kalifornischen Küste.«

Der Jude wurde aufmerksam.

»Von welchem Maler?« fragte er.

»Von dem bekannten Künstler, welcher zufälliger Weise grad so heißt wie der Wein, den der Gast vorhin vergeblich verlangte - Salek.«

Da erhob Baruch Abraham sich halb vom Stuhle, starrte den Sepp erstaunt an und sagte:

»Ich kenne Sie ja gar nicht!«

»Ist es nothwendig, daß Sie mich kennen?«

»Hm! Allerdings nicht.«

»Oder kaufen Sie von Salek nicht gern?«

»O doch. Seine Gemälde gehen stets.«

»Das weiß ich. Ihr Name wurde mir von einem Kenner genannt. Ich habe das Bild mit hier, und da ich nicht weiß, ob ich morgen da bleibe, erlaubte ich mir, Sie so spät noch aufzusuchen.«

»Schön, schön! Vielleicht machen wir einen Handel, wenn Sie wirklich die Absicht - - -«

Er hielt inne, denn grad jetzt stand Max auf, dem er Platz zu machen hatte. Derselbe hatte den Zettel unbemerkt gelesen und erhob sich mit der Miene eines Mannes, welcher aus Höflichkeit einmal hinausgeht, um den Andern Gelegenheit zu geben, ihre Angelegenheit ohne Zeugen abzumachen.

»Nimm mich mit!« sagte Johannes, indem er dem Freunde folgte.

Draußen theilte Max dem Maler den Inhalt des Zettels mit. Dann schlichen sie sich zur Hausthür hinaus und huschten schnell durch das bereits erwähnte Gäßchen.

»Der Sepp ist doch ein Sappermenter,« meinte im Gehen Max. »Hast Du genau gehört, was er sagte?«

»Ja.«

»Das Bild von der kalifornischen Küste, und der Name Salek. Beides


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muß irgend eine Bedeutung haben, die nur er kennt. Der Kerl ist grad wie allwissend.«

»Wir erfahren jedenfalls, was es für eine Bewandtniß damit hat.«

»Natürlich! Jetzt aber müssen wir uns beeilen. Wir dürfen nicht lange abwesend sein, sonst fällt später der Verdacht auf uns.«

Hinter der Mauer war es vollständig finster. Sie lauschten eine kurze Zeit am Pförtchen. Als sich weder vor- noch rückwärts auf dem Wege und auch im Hofe des Juden kein Geräusch hören ließ, zog Max den Schlüssel heraus.

Er befeuchtete ihn mit Speichel, damit kein Geräusch entstehen solle, und schloß auf. Glücklicher Weise öffnete sich die Thüre leise.

Sie traten ein und zogen sie hinter sich an. Nachdem sie wieder einige Augenblicke gelauscht hatten, huschten sie über den Hof hinüber bis unter den Söller.

»Sie ist eingeschlossen. Sie kann nicht heraus,« sagte Johannes leise.

»Nur eingeriegelt. Wie aber kommen wir hinauf?«

»Dort in der Ecke geht die Außentreppe zum Söller empor. Ich habe es gesehen.«

»Gut! So steigen wir hinauf.«

»Beide?«

»Ja. Warum nicht?«

»Zwei Personen machen mehr Geräusch als eine.«

»Das ist richtig. Also geh Du allein.«

»Warum ich?«

»Weil Anita in Dir den Retter ehren soll, nicht aber in mir. Knarren Deine Stiefeln?«

»Vielleicht. Ich ziehe sie aus.«

»Besser ist es. Also einen Hund giebt es nicht?«

»Nein. Anita sagte es. Hoffentlich werden wir auch anderweit nicht gehindert.«

»Schwerlich. Ich glaube, die alte Jüdin befindet sich ganz allein im Hause.«

»Wenn die nun kommt! Was dann?«

»Pah! Du giebst ihr mit der Faust Eins auf den Kopf, daß sie ohnmächtig wird.«

»Du, das bringe ich nicht fertig. Ich bin kein Rinaldini oder Schinderhans.«

»Ich auch nicht; aber so einen Hieb brächte ich dennoch fertig.«

»So geh lieber Du!«

»Nein. Ich will die Ehre Dir überlassen. Wirst Du ja gestört, so verhältst Du Dich ganz still und lässest mich sprechen. Also mach!«

Sie standen jetzt an der schmalen, hölzernen Treppe, welche mehr einer Leiter ähnelte. Johannes stieg hinauf, dabei möglichst jedes Geräusch vermeidend.


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»Nimm mehrere Stufen auf einmal!« flüsterte Max ihm zu. »Das giebt weniger Schritte.«

Hanns befolgte diesen Rath und machte auch oben auf dem Söller die Schritte so langsam und so weit wie möglich.

Das alte Holz knarrte zwar einige Male, aber so leise, daß es kaum zu bemerken war. So gelangte er also glücklich an den Eingang nach dem Innern des Hauses.

Dieser war nicht mit einer Thür versehen, sondern offen. Hanns hatte von Anita gehört, daß sie links eingeriegelt sei, während die andern Mädchen sich auf der rechten Seite befanden.

Er tastete nach hüben und drüben, indem er hineintrat. Schon nach drei oder vier Schritten fühlte er die beiden einander gegenüber liegenden Thüren. Diejenige links war die richtige. Sie war von außen verriegelt, und es galt nun, den Riegel ohne Geräusch zurückzuschieben. Hanns machte sehr, sehr langsam, und es gelang. Die Thür knarrte freilich ein Wenig, aber doch nicht allzusehr, als er sie öffnete.

»Anita!« flüsterte er.

»Mein Retter!« antwortete es ebenso leise. »Gott sei Dank!«

»Sie haben auf mich gewartet?«

»Mit Schmerzen!«

»Ich komme aber doch nicht später, als ich sagte.«

»Und doch war es eine Ewigkeit für mich.«

»So kommen Sie schnell!«

»Ich kann nicht. Ich bin angebunden.«

»Ah, dieser grausame Jude!«

»Er traut mir eben nicht.«

»Ich werde Sie losschneiden. Wo sind Sie?«

»Kommen Sie nach rechts. Hier unten in der Ecke.«

Hanns schlich hinein. Er bückte sich und tastete. Er fühlte einen Strohsack, auf welchem das Mädchen lag.

»Die linke Hand ist an der Mauer und die rechte an der Diele festgebunden,« erklärte das gefesselte Mädchen.

Er griff nach diesen Richtungen und fühlte zwei eiserne Ringe, je einen in der Mauer und der Holzdiele, an welche Anita mit Stricken angebunden war. Auf diese Weise wurden ihre Hände so auseinander gehalten, daß sie nicht die eine durch die andere befreien konnte.

»Armes Kind!« klagte Hanns. »War das alle Abende so wie heut?«

»Seit ich mich widerspänstig zeigte, ja.«

»Da konntest Du ja nicht schlafen!«

»Nein. Es war eine Qual.«

»Du sollst gleich frei sein. Deinen Peiniger aber werden wir exemplarisch bestrafen lassen.«

Er zog sein Messer heraus und schnitt sie los. Sie schnellte empor. Er richtete sich auch auf und fühlte, daß sie nach ihm tastete.


// 2351 //

»Anita!« erklang es mitleidig und doch froh.

»Johannes!« antwortete sie.

»Du hast Dir meinen Namen gemerkt?«

»O, den werde ich nie, niemals vergessen, salvatore mio, angelo mio, mein Retter, mein Engel!«

Er fühlte die weichen Arme, welche sie um ihn schlang, und das Köpfchen, welches sie innig an seine Brust drückte.

Ein nie gekanntes, ungeahntes Gefühl durchfluthete ihn. Er konnte nicht anders, er mußte auch seine Arme um sie legen und sie an sich drücken. Er beugte sein Gesicht nieder. War es Zufall, daß auch sie das ihrige empor hielt? Ihre Lippen fanden sich zu einem langen, langen aber engelsreinen, keuschen Kusse.

»Johannes!« flüsterte sie abermals.

»Anita! Welch eine Seligkeit, Dich frei zu wissen!«

»Durch Dich, durch Dich!«

»O, nicht durch mich allein!«

»Ist Dein Freund mit und wo befindet er sich?«

»Unten im Hofe.«

»Er ist ebenso edel wie Du?«

»Noch viel besser und edler als ich.«

»Das ist unmöglich!«

»Du kennst mich ja gar nicht!«

»O, ich kenne Dich, ich kenne Dich, als sei ich stets bei Dir gewesen.«

Das that ihm so unbeschreiblich wohl. Er hätte lebenslang so stehen mögen, das schöne Mädchen in seinem Arme; aber er gedachte der augenblicklichen Lage und sagte:

»Wir müssen fort. Komm!«

»Noch nicht, noch einen Augenblick.«

»Warum?«

»Wohin willst Du mich führen?«

»Giebt es einen Ort, wohin Du wünschest?«

»Ich kenne keinen.«

»So gehst Du mit mir?«

»Mit Dir, wohin Du mich auch führen magst.«

»So werde ich Dich zunächst zu einem Freunde bringen, zu einem alten, lieben Herrn, bei welchem Du vor allen Nachforschungen sicher bist.«

»Wo befindet er sich?«

»Er wohnt im Hotel Europa. Kennst Du es?«

»Nein. Aber in ein Hotel kann ich nicht.«

»Warum?«

»Hast Du nicht gesehen, wie ich gekleidet bin? Ich bin sogar barfuß.«

Er erinnerte sich, daß sie nur ein einziges Röckchen angehabt hatte. Darum verstand er ihre Einwendung gar wohl.


// 2352 //

»Du kannst getrost mit,« antwortete er. »Es sind Kleider für Dich vorhanden.«

»Auch Schuhe?«

»Ja, Alles, was Du brauchst. Komm nur mit!«

Er zog sie hinaus vor die Thür und riegelte dieselbe vorsichtiger Weise wieder zu, damit man ihre Flucht nicht sogleich bemerken möge. Dann huschten sie mit einander über den Söller hin und die Treppe hinab.

»Gelungen?« fragte Max, als er sie kommen hörte.

»Ja.«

»Gott sei Dank! Es hat lange gedauert.«

»Es ging nicht schneller. Jetzt will ich meine Stiefel anziehen, und dann rasch fort!«

Während Johannes sich mit seiner Fußbekleidung beschäftigte, ergriff Anita Maxens Hände und sagte mit bewegter Stimme:

»Auch Sie halfen mir, Herr. Wie soll ich Ihnen danken!«

»Dadurch, daß Sie glücklicher werden, als Sie bisher waren.«

»O, ich bin glücklich, weil ich frei bin.«

»Was müssen Sie gelitten haben, Sie armes, armes Kind! Aber kommen Sie nun! Wir dürfen uns nicht länger verweilen.«

Er schritt voran. Johannes nahm das Mädchen bei der Hand und folgte ihm.

Sie gelangten aus dem Hofe hinaus. Max verschloß die Thür und steckte den Schlüssel zu sich. Nachdem sie sich überzeugt hatten, daß sie nicht belauscht wurden, eilten sie nach dem mehrfach erwähnten Garten.

»Hier herein!« sagte Max, indem er voran kroch und dann die beiden Anderen, die ihm schweigend folgten, nach der von Sepp beschriebenen Ecke führte, wo er das Kleiderpacket liegen fand.

»Hier sind Sie einstweilen sicher, Signorina,« sagte er. »Wir müssen uns für kurze Zeit entfernen.«

"Mein Gott, Sie wollen mich verlassen?"

»Mein Gott, Sie wollen mich verlassen!«

»Nur auf wenige Minuten.«

»Mir ist so angst!«

»Sie brauchen nichts zu fürchten. Wir holen nur den Freund herbei, der Sie in seinen Schutz nehmen will.«

»Kann ich nicht mit gehen?«

»Nein. Der Jude würde Sie sehen.«

»Wo ist er? Schläft er nicht?«

»Er ist noch wach. Wir haben ihn mit in ein Weinhaus genommen und betrunken gemacht. Der Freund sitzt bei ihm und hält ihn fest, damit er uns nicht stören konnte.«

»O, das war klug gehandelt!«

»Nicht wahr? Ebenso erfordert es die Klugheit und Ihre Sicherheit, daß wir Sie jetzt allein lassen. Wir müssen den Freund benachrichtigen, daß Ihre Flucht gelungen ist; dann kommen wir sofort wieder.«


Ende der achtundneunzigsten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Der Weg zum Glück

Karl May - Leben und Werk