Ernst und Heiter

 
»Das ist ein schöner Anfang für das neue Jahr«, – so meint der Nachtwächter Grundmann nach dem Genuss von fünf bis sechs Glas heißen Grog, die er bei der ersten Station seines nächtlichen Rundgangs getrunken hat. Dann, beim Besitzer einer Destillation, bekommt er »alle möglichen Liqueursorten zu kosten, von denen eine immer besser schmeckt als die andere«.

Erneut draußen in der Kälte, wird ihm ein wenig »altconservativ zu Muthe«. Endlich vor dem Ratskeller angelangt, kündigt er zwar nicht wie einmal ein berühmter Vorgänger das Jüngste Gericht1 an, woraufhin einige Herren damals sehr blass wurden, aber er fordert doch immerhin die Honoratioren der Stadt mit einem etwas gewagten Verslein heraus:

»Und ist das Sinnen und Reden aus,
So gehen sie so klug wie zuvor nach Haus.«

Zu Glück hat er die Lacher auf seiner Seite und wird mit allerlei vollen Gläsern willkommen geheißen: »Punsch, Negus, Glühwein, Rother und Blanker von zehn, zwölf Sorten, Bayrisch-, Lager- und Zuckerbier, Schlummersaft und Hoppelpoppel, Berliner Weiße und Döllnitzer Gose, erst kürzlich in Breitenfeld accli-matisirt, kurz alles mögliche Trinkbare, was grad bei der Hand ist, zeigt eine Inclination für den Nachtwächter, welcher ihr unmöglich widerstehen kann.«

Was der Nachtwächter Grundmann offenbar nicht weiß: Im 19. Jh. war die Gose ein gängiges, meist trübes Weißbier, dem eine schwere Bekömmlichkeit bis hin zum Durchfall zugeschrieben wurde! –

Nachdem wir den Nachtwächter auf seinem Rundgang bis hierher begleitet haben, mehr beobachtend als mittuend, mögen wir dem Berauschten nun nicht länger folgen, denn jetzt beginnt für ihn Die ver-hängnißvolle Neujahrsnacht, und da bekommt er die Folgen seines unmäßigen Trinkens zu spüren! Allerdings – Karl May sei Dank! – gibt es nach Inhaftierung und einigem Durcheinander doch ein gutes Ende, nämlich keine Bloßstellung vonseiten seines Kollegen und für die beiden Kinder der Nachtwächter: Verlobung!

»Das ist ein schöner Anfang für das neue Jahr« – Karl May hat zum Jahreswechsel auch Ernsteres geschrieben als seine Humoreske und Besseres zu raten als einen exzessiven Alkoholgenuss a la Grundmann. In seinen Briefe(n) über Kunst heißt es: »Kein Neujahr ohne ein Sylvester, kein klares Vorwärtsschauen ohne die vorangegangene Abrechnung mit dem Rückwärtsliegenden«.

Was rückwärts liegt, sind die guten und die schweren Stunden des vergangenen Jahres. 365 Tage gefüllt mit Glück oder Leid – manche auch nur als ›grauer Alltag‹ erlebt. Ein Jahr: so viele Möglichkeiten; so viele verpasste Gelegenheiten. Ein Jahr, dies Jahr 2009! – begonnen vielleicht mit guten Vorsätzen, zu Ende gehend mit der alljährlich wiederkehrenden Erfahrung: Es gibt nichts Neues unter der Sonne. So nüchtern kann man es sehen. Aber so muss man es nicht sehen, wenn wir uns von Karl May erinnern lassen: Kein Sylvester, kein Neujahr ohne Weihnachten! »Wir haben, indem wir Weihnacht feierten, diesen Abschluß hinter uns gelegt und treten durch das weit geöffnete Tor des ersten Mondes.« Und das ist ein hoffnungsreicher Beginn, denn der Weihnachtsgedanke, so Karl May, ist ja zugleich Gabe und Aufgabe, nämlich sich an dem großen Werke zu beteiligen, welches durch die Engelsbotschaft »›Ehre sei Gott in der Höhe, und Friede den Menschen auf Erden!‹ sowohl verkündet, als auch begonnen worden ist. Das herrliche Werk des neuen, großen, bürgerlichen Jahres! Des ewig beginnenden und niemals endenden Jahres, dessen praktische Aufgabe es ist, die innere Erlösung nach außen wirken zu lassen.«

Und so mag wohl – auch bei diesem bevorstehenden Jahreswechsel – einem/einer jeden nach dem Maße des eigenen Könnens und guten Willens das als Richtschnur dienen, was Karl May als Aufgabe sowohl von Kunst und Religion als auch von Wissenschaft beschrieben hat: »Gott zu dienen und die Dissonanzen des Erdenlebens in Wohlklang aufzulösen.«

 Pastor Manfred König

Frohe Weihnachten!
    


Wir wünschen allen unseren Internetbesuchern ein frohes Weihnachtsfest und ein gutes Jahr 2010!

Claus Roxin, Volker Wahl, Ralf Harder, Volkmar Kunze
René Wagner, Hans Grunert, Claudia Kaulfuß, Gudrun Wittig,
André Köhler, Brigitte Krabbes, Thomas Grafenberg

Karl-May-Stiftung / Karl-May-Museum
Radebeul bei Dresden