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 Betreff des Beitrags: Eine grausige Luftfahrt
BeitragVerfasst: 14.3.2005, 16:18 
Die Kurzgeschichte Ein Drama in den Lüften von Jules Verne erschien in deutscher Übersetzung wohl erstmals in der Buchausgabe Eine Idee des Doctor Ox (Julius Verne's Schriften XX, A. Hartleben, Wien Pest Leipzig 1875, Übersetzung: Martha Lion), die im Februar 1875 ausgeliefert wird. Wahrscheinlich gleichfalls im Februar, genauer am 27. dieses Monats, begann in Nr. 26 des 'Beobachter an der Elbe' der Abdruck der Novelle Wanda von Karl May, in welcher eine Ballonfahrt ebenfalls eine zentrale Rolle spielt. Der sächsische Autor wird später in einer seiner autobiographischen Streitschriften angeben, daß diese Erzählung bereits aus den 60er Jahren stammt, wobei man freilich annehmen darf, daß lediglich der erste Teil dieser Geschichte ein derart frühes Entstehungdatum hat. Am 8. März übernahm Karl May dann selber die Redaktion dieses Blattes, sodaß der allergrößte Teil der 'Wanda'-Novelle, die bis zur Nr. 44 Anfang Juli in Fortsetzungen erschien, von ihm selber in seiner neuen Funkton als Redakteur redrigiert wurde. Insofern könnte das zunächst von May eingereichte Manuskript kürzer gewesen sein, dafür spricht etwa auch eine Lücke im Abdruck in den Nr. 35-37, sodaß die Novelle in der entgültigen Form möglicherweise nicht schon im Februar vollständig abgeschlossen war. Und so ist dann auch das 'Luftfahrt'-Kapitel Ueber den Wolken erst nach dieser Lücke ab Nr. 39 (29. Mai) zu lesen, was dafür spricht, daß May dieses Kapitel erst relativ kurzfristig vor dem Abdruck verfaßt haben könnte.

Warum ist die Datierung aber so wichtig? Nun, der Vergleich zwischen Mays Ueber den Wolken und Vernes Drama in den Lüften zeigt einige inhaltliche Parallelen, die den Verdacht nahelegen, daß Karl May die Kurzgeschichte von Jules Verne gekannt haben dürfte und sich durch diese inspirieren ließ. Da Vernes Geschichte aber erst im Februar 1875 in deutscher Übersetzung erschien, hätte May diese logischerweise erst nach diesem Zeitpunkt lesen können, daß May aber schon 1874 die französischsprachige Buchausgabe gelesen haben könnte, ist dagegen wohl auszuschliessen (auch das vermutlich auf 1870 zu datierende 'französiche' May-Manuskript 'Ange et Diable' läßt wohl kaum den Schluß zu, daß Karl Mays - wenn er denn überhaupt Gelegenheit dazu gehabt hätte - den Originaltext Un Drame dans les airs gelesen haben könnte). Allerdings bediente sich der sächsische Schriftsteller nicht in einwandfrei nachweisbarer Weise 'wortwörtlich', sodaß ein endgültiger Beweis einer Beeinflußung wohl nicht möglich ist.

Über ein Jahr später wurde in der Nr. 59 der gleichfalls von Karl May redaktionell betreuten Zeitschrift 'Schacht und Hütte' dann die anonyme Ultra-Kurzgeschichte Eine grausige Luftfahrt abgedruckt, die nun aber doch relativ eindeutig Vernes Drama in den Lüften plagiert und als deren Autor/bearbeiter May keineswegs ausgeschlossen werden kann. Doch bevor diese anonyme Luftfahrt umfassend diskutiert wird, soll zunächst noch Wanda - Ueber den Wolken ein wenig mit Vernes Kurzgeschichte verglichen werden.

Dabei macht ein Vergleich zwischen diesen beiden Texten natürlich nur dann Sinn, wenn man die beiden Original-Versionen miteinander vergleicht, im Falle des Verne-Textes also die Hartleben-Übersetzung von Martha Lion benutzt. Ansonsten ist eine Untersuchung hnsichtlich einer möglichen Übernahme der Wortwahl natürlich nicht möglich, da ansonsten die Gleichheit oder Verschiedenheit einzelner Wörter meist völlig zufällig sein dürfte. Es kann sogar vorkommen, daß skurrilerweise die gleichen Wörter jeweils in beiden Texten in andere gleiche oder nahezu gleiche Synonyme verwandelt werden. Man lese etwa die folgenden Sätze aus der KMV-Bearbeitung von 'Wanda': Der Platz, auf dem der Ballon zum Füllen bereit lag, war von einer Schranke umgeben, die schon am Vormittag von einer gaffenden Menschenmenge umlagert wurde. Sowie:Dann glitt sein Blick suchend über die Zuschauer, die unten an der Schranke standen.

Zum Vergleich die vergleichbare Situation in "Ein Drama in den Lüften" nach der Diogenes-Übersetzung von 1967: Wir sollten am Mittag starten. Ein herrlicher Anblick, die vielen Leute, die sich ungeduldig an der Abschrankung drängelten, den Platz überschwemmten, die angrenzenden Straßen besetzten und aus allen Fenster der Häuser um den Platz herum hingen, vom Erdgeschoß bis zum Giebel aus Schiffer hinauf. Die der KMV-Schranke nicht unähnliche Abschrankung findet sich ebenfalls nochmals im Text: Unter den Menschen, die sich an der Abschrankung drängten, fiel mir ein bleicher junger Mann auf, der sehr aufgeregt schien.

Tatsächlich aber gibt es in der Erstübersetzung des Verne-Textes gar keine Abschrankung. Dort heißt es stattdessen: Wir sollten um zwölf Uhr aufbrechen, und es gewährte einen prächtigen Anblick, wie die ungeduldige Menge sich an die Einfriedigungen, die um den Ballon gezogen waren, drängte, den ganzen Platz überschwemmte, sich in den umliegenden Straßen aufhielt und die Fenster sämmtlicher Häuser, die auf den Platz hinaus gingen, vom Erdgeschoß bis zum Dachboden besetzte. bzw.: Unter den Personen, die um die Barrière standen, bemerkte ich einen jungen Mann mit blassem Antlitz und aufgeregten Zügen (...)

Wenn man nun schließlich Mays Originaltext heranzieht, dann erweist sich nicht nur die gaffende Menschenmege als reine Erfindung des Bearbeiters, sondern ebenso auch die Schranke. So heißt es da stattdessen: Der Platz, auf welchem der Ballon zum Füllen bereit lag, war von einer Barrière umgeben, und der Gehülfe des Aeronauten hatte alle Mühe, die Menschenmenge, welche sich schon am Vormittage hier versammelt hatte, in der nöthigen Entfernung zu halten. Wie im zweiten zitierten Satz der Hartleben-Übersetzung des Drama in den Lüften ist es also die Barriere, die die Zuschauer auf Abstand hält. Und beim originalen zweiten Satz wird eine Begrenzung sogar überhaupt nicht erwähnt: (...)dann wandte er sich der Richtung zu, in welcher der Wagen der Baronin stand (...)

Die Indizien bezüglich gleichartiger Motive der Handlung oder ähnlicher Figuren-Charaktere, die Mays Novelle in Abhängigkeit von Vernes Erzählung erscheihen lassen, sind meist jedoch eher unspezifischer Natur: Da ist etwa ein falscher französischer Aeronaut, ein echter französischer Aeronaut, dessen Kleider von einem 'Jules Ragellef' (alternativ: Ragellet) geschneidert wurden, ein blinder Passagier, eine Fahrt über ein Gewitter, ein Kampf in den Wolken und das Abtrennen der Gondel.

Beispielhaft seien hier mal ein paar gleichthematische Textausschnitte gegenübergestellt:

Ein Drama in den Lüften: Morgens hatte ich den Ballon gefüllt; natürlich nur zu drei Vierteln, da dies eine durchaus nothwendige Vorsichtsmaßregel ist. In dem Maße, wie man steigt, nimmt nämlich die Dichtigkeit der atmosphärischen Luftschichten ab, und so könnte das unter der Hülle des Luftschiffes eingeschlossene Fluidum die Wände des Ballons sprengen, wenn es an Elasticität gewinnt.

Wanda, Ueber den Wolken: Die Auffüllung des Ballons war glücklich beendet. Zwar hatte er sich noch nicht bis zur größtmöglichsten Ausdehnung aufgebläht; aber er mußte diese Ausdehnung bei dem Eintritte in höhere und in Folge dessen auch leichtere Luftschichten erreichen und bot dann jedenfalles einen stolzen Anblick

Ein Drama in den Lüften: Die Wolken entrollten sich unter unseren Augen in blendender Masse; der Ballon warf seinen Schatten darauf und wurde gleichsam in eine Strahlenkrone gehüllt. Der Donner grollte unter der Gondel, es war furchtbar! (...) Die Wolken drängten sich von allen Seiten um uns zusammen, und furchtbare Detonationen, die in der Wölbung des Aërostaten widerhallten, krachten um uns.

Wanda, Ueber den Wolken: Während der letzten Worte zuckte ein flammender Wetterschein tief unter ihnen hin. Es war als stände das ganze unter ihnen fluthende Luftmeer in Flammen, und kurze Zeit darauf tönte ein leises, rollendes Gemurmel zu ihnen empor.

Wie bei Verne kommt es am Schluß der Luftfahrt zum mutwillig verursachten Abriss der Gondel und zum Absturz eines der Insassen. Dabei gebraucht May sogar ausnahmsweise eine fast identische Formulierung wie in der Hartleben-Übersetzung. Dort heißt es: Die Gondel fiel, aber instinctmäßig klammerte ich mich an das Tauwerk. Entsprechend liest man bei May: Instinktmäßig klammerten sie sich an (...).

Als wirklicher Beweis, daß May die Kurzgeschichte von Verne tatsächlich gekannt hatte uns als Vorbild gebrauchte, ist dies jedoch nicht ausreichend, da dererlei kleine Übereinstimmungen natürlich auch zufällig entstehen können. erst wenn derartige Beispiel gehäuft auftreten, oder sich gar ganze Sätze gleichen, kann man mit hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, daß sich ein Autor beim anderen bedient hat. Der Umkehrschluß, daß nur ganz wenige oder gar keine wörtlichen Textkorrespondenzen jedenfalls auf eine ganz eigenständige Arbeit schließen läßt, ist indessen auch nicht möglich, da man bei sorgfältiger Neuformulierung und dem Vermeiden allzu deutlicher Paraphrasierungen einen Quelltext natürlich auch recht gut verschleiern kann.


Zuletzt geändert von Thomas Schwettmann am 8.4.2005, 15:47, insgesamt 1-mal geändert.

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BeitragVerfasst: 14.3.2005, 16:21 
Kommen wir nun zum Hauptsache, der anonyme Ultra-Kurzgeschichte Eine grausige Luftfahrt und der Frage, ob Karl May der Autor derselben sein könnte. Generell ist zu sagen, daß man über die Autoren der anonymen Erzählungen vielleicht etwas in Erfahrung bringen könnte, falls man in Mays Nachlaß die Post an den "Schacht und Hütte"-Redakteur Karl May aufinden könnte, die May im Münchmeyer-Prozeß als Beweismittel für seine Redaktionstätigkeit präsentierte: Unter der Redaktionspost der Jahre 1875-76, die er auskramte, fanden sich Briefe von Schriftstellern seiner Zeit: einer Majorin Schnackenburg, einer Baronin von Loudon, einer Gräfin von Gallwitz und des vielgelesenden Romanciers Ludwig Habicht (Aus dem Vorwort von Dr. Klaus Hoffmann zu dem Reprint von "Schacht und Hütte"). Keiner der Beiträge in "Schacht und Hütte" ist namentlich einem dieser Autoren zugeordnet, überhaupt ist von den Prosatexten lediglich 'Eine Gefallende' mit dem Namen des Autors - Gustav Billig - versehen.

Hier kann man nur den Text stilistisch untersuchen und mutmaßen, inwieweit er mit dem Maysche Werk - insbesondere das Frühwerk - kompatibel sein könnte. Dazu seinen zunächst einmal grob einige Motive der Handlung miteinander verglichen. Dabei fällt dann ins Auge, daß in Eine grausige Luftfahrt gewissermaßen Wanda, Über den Wolken ergänzt, weil es die Motive verwendet, die May in seiner Novelle nicht übenommen hat, wie den Zeitpunkt und den Verrückten, während solche Motive wie der blinde Passagier oder das Gewitter, die May bereits in seine Handlung um die wilde Polin eingebaut hatte, in dem 'Schacht und Hütte'-Text nicht zu finden sind.

Jules Verne: Ein Drama in den Lüfte
Datum: 185*
Blinder Passagier: Mann klettert am Seil in den bereits fliegenden Ballon
Verrückter an Bord
Flug über Gewitter
Gondel wird abgeschnitten
Verrückter stürzt in die Tiefe

Karl May: Wanda - Über den Wolken
Blinder Passagier: Winter klettert am Seil in den bereits fliegenden Ballon
Flug über Gewitter
Gondel wird abgeschnitten
Kommissar stürzt in die Tiefe

Anonym: Eine grausige Luftfahrt
Datum: 1853
Verrückter an Bord
Verrückter stürzt in die Tiefe


Im folgenden ist die gesamte Text der anonymen Kurzgeschichte abgedruckt, auffällige und mindestens auf dem ersten Blick May-Untypisches wurde dabei kommentiert und mit Hilfe der Suchfunktion auf den Werke-CDs von Karl May und Jules Verne mit Mays Werk bzw. Vernes 'Drama in den Lüften' verglichen. Der besseren Übersicht halber wurde die Erzählung dabei in mehrere Abschnitte unterteilt, denen jeweils eine Liste von Anmerkungen folgt.


Eine grausige Luftfahrt

Große Aufregung herrschte an einem schönen Sommertage des Jahres 1853 in dem kleinen irischen Städtchen Ballydorley. Die ganze Bevölkerung nicht nur des Städtchens, sondern auch der Umgegend war auf den Beinen und stürmte auf den großen Platz zu, auf dem gewöhnlich die Wettrennen stattzufinden pflegten. Hier drängte sich Alles um einen Gegenstand, welcher sich in der Mitte des Platzes befand.
Es war dies ein großer, schön bemalter Luftballon, den man soeben gefüllt hatte, und der, an Seilen festgehalten, majestätisch über den Köpfen der gaffenden Zuschauer herschwebte, und nur auf die Ankunft des kühnen Aeronauten zu warten schien, um sich in die Lüfte zu schwingen.
Da kommt er! Da kommt er! hieß es nun plötzlich aus vielen Tausend Kehlen, und Alles blickte erwartungsvoll auf einen, raschen Laufes sich nähernden Wagen, aus welchem bald darauf Mr. Hall, ein in England und Irland durch seinen großen Reichthum bekannter Gutsbesitzer, heraussprang.

Große Aufregung herrschte (...), vgl.: "Unter den Bewohnern der Stadt herrschte natürlich eine große Aufregung." [Robert Surcouf]

(...) an einem schönen Sommertage des Jahres 1853: "Am Monat September des Jahres 185. (...)" Bei Verne resultiert das 50er-Jahre-Datum freilich aus dem frühen Zeitschriften-Erstabdruck der Kurzgeschichte von 1851

Ballydorley: Keine Fundstelle bei May, bei einem Blick auf die irische Landkarte hat man aber den Eindruck, als würde der Name von mindestens jeden dritten Ort mit 'Bally' beginnen, insofern ist der Name nicht ungewöhnlich zu nennen.

Die ganze Bevölkerung nicht nur des Städtchens, sondern auch der Umgegend (...), vgl.: "(...) die der Bevölkerung der Umgegend (...)" [Husarenstreiche, 1878]

Hier drängte sich Alles (...), vgl.: "Alles drängte sich herbei" [Der Samiel, 1878] & [Ziege oder Bock, 1879], "Da auf einmal drängte sich Alles (...)" [Die Rache des Ehri, 1878]

(...) auf dem gewöhnlich die Wettrennen stattzufinden pflegten, vgl: "(...) wo die täglichen Uebungen stattzufinden pflegten (...)" [Husarenstreiche, 1878]

Luftballon: Karl May hat übrigens auch nach Niederschrift der 'Wanda'-Novelle verschiedentlich noch die Ballonfahrt erwähnt. im Frühwerk z.B.: "Nehmt dem Luftschiffer seinen Ballon und dem Seemann sein Schiff, und beide haben aufgehört, zu existieren" [Three carde monte, 1879] oder: "Wem es vergönnt gewesen wäre, aus einem Luftballon auf die Stadt herabzublicken, der hätte dieselbe sehr leicht für ein Nest voll rother Ameisen halten können, deren Regsamkeit sich ganz besonders gegen den Ringplatz zu concentriren schien." [Pandur und Grenadier, 1883]

Seilen: im Abdruck heißt es fälschlich Säulen

aus vielen tausend Kehlen: wird man bei May ansonsten vergeblich suchen, wohl aber findet man "aus vielen hundert Kehlen" [Die Juweleninsel - Der Weg zum Glück] sowie auch einfach nur "aus tausend Kehlen" [Auf der See gefangen/Old Surehand II]

der gaffenden Zuschauer: Das Gaffen kommt weder bei Mays 'Wanda' noch Vernes 'Drama' vor, interessanterweise aber in Bezug auf den Ballonstart zweimal in der KMV-Bearbeitung von 'Wanda': "(...) von einer gaffenden Menschenmenge umlagert wurde." [S. 164] & "(...) ohne den gaffenden Menschen einen Blick der Aufmerksamkeit zu schenken" [S. 168]. Ansonsten gibt es für Gaffen[d]/Gaffer usw. 10 Fundstellen bei May, im Frühwerk u.a.: "Nun schnell hinunter und mitten durch die Gaffer hindurch gesprungen!" [Ausgeräuchert] & " Nun schnell die Treppen hinunter und mitten durch die Gaffer hindurch gesprungen! [Laubthaler]

Aeronauten: In der Schreibweise "Aëronauten" auch in Vernes 'Drama'. Karl May benutzte den Begriff wie auch alle anderen hier verwandten Luftschiff-Begriffe (Ventil, Klappe, usw.) schon in 'Wanda'.

Da kommt er! Da kommt er! Diese auffällige Verdopplung wiederum ist hingegen bei May, allerdings erst viele Jahre später - in 'Der Schatz im Silbersee' zu finden.

(..) ! hieß es (...): Diese Form der Kleinschreibung nach Ausrufezeichen ist noch häufiger im Text zu finden, es gibt sie auch gehäuft bei Vernes 'Drama in den Lüften'.

Mr. Hall: Auf dem ersten Blick ein für May ungewöhnlicher Figurenname. Allerdings gehörten die Romane des Iren Thomas Mayne Reid zu Mays frühsten Vorbildern. Der Ich-Erzähler in den Romanen 'Die Kriegsfährte' und die 'Skalpjäger' des englischsprachigen Autors trägt den Namen Henry Haller, auch erwähnt May einen 'Langen Haller' - höchstwahrscheinlich als eine Hommage an Reid - aus der Reihe hervorragender Westmänner in 'Deadly Dust'.


[Fortsetzung]

Mr. Hall war ein kleiner lebhafter Mann, und gehörte zu der Gattung Menschen, die man gewöhnlich mit dem Ausdruck "Pechfinken" zu bezeichnen pflegt, d. h., die sicher sind, bei jeder Gelegenheit irgend welchem Unheil zu begegnen. Selten gelang es ihm z.B., in ein Zimmer einzutreten, ohne auszugleiten; zu stürzen, ohne dabei etwas zu verschlagen; selten, Briefe zu schreiben, ohne Tinte darüber zu gießen; zu essen, ohne alles Mögliche in die falsche Kehle zu bringen; etwas zu zerschneiden, ohne sich zu schneiden u. s. w.
Beim Turnen hatte er sich drei Zähne eingeschlagen; beim Schifffahren wäre er beinahe schon viermal ertrunken, und auf der Jagd in den schottischen Mooren, hatte er, anstatt Rebhühner, sich zwei Finger weggeschossen. Eine Vorliebe ferner für die edle Feuerwerkerei hatte ihn eines großen Theiles seiner Haare und gänzlich seiner Augenbrauen und seines Bartes beraubt. Was endlich seine verschiedenen Eisenbahnunfälle betrifft, so ließe sich darüber ein ganzes Buch schreiben.
Nachdem er nun so zwei Elemente, Wasser und Feuer, hinlänglich versucht, kam ihm einstens der glückliche Gedanke, daß es noch ein drittes, - die Luft, gäbe, welches für ihn unmöglich gefährlicher als die anderen sein könnte. Demgemäß hatte er sich ein Jahr zuvor, als er noch auf seinem Gute in Devonshire lebte, einen großen Luftballon gekauft, und - es ist unglaublich, aber wahr - hatte mit demselben schon verschiedene Ausflüge gemacht, von denen er mit heiler Haut zurückgekommen war. Heute nun hatte er im Sinne, mit seinem Ballon über die Insel hin bis nach Belfast zu fliegen. Ein Freund aus London, der sich gerade auf einer Fischpartie nach Irland befand, hatte ihm versprochen, die Fahrt mitzumachen, schien aber die Courage verloren zu haben, denn - er kam nicht.

(...) die man gewöhnlich mit dem Ausdruck "Pechfinken" zu bezeichnen pflegt, vgl.: "(...) welche man mit dem Namen storm-gap zu bezeichnen pflegt." [Die Both Shatters], "(...) was man gewöhnlich mit dem Ausdruck 'Physiognomie' zu bezeichnen pflegt." [Deadly Dust / Winnetou III], "(...) und die »Habenichtse« und »Rußfinken« sind bis über die Gasse herüber geklungen." [Ausgeräuchert] - Der Ausdruck "Pechfink(en)" ist bei May allerdings nicht üblich, neben dem einmaligen Rußfinken dafür 13x der obligatorischen "Pechvogel".

d.h., z.B., u.s.w.: ist bei Karl May geläufig, wie bei der Charakterisierung Halls sogar auch zuweilen mehrere dieser Abkürzungen in einem einzigen Satz: "wie z.B. Kirche, Prediger, Altar, Predigt, selig, heilig, fromm u.s.w." [Die Rache des Ehri, allerdings könnte die Formulierung hier eventuell auch von Gerstäckers 'Das Mädchen von Eimeo' übernommen worden sein] oder: "daß z.B. einer der berühmtesten englischen Seeleute den atlantischen Ocean nicht anders als »den alten Häringsteich« nannte, ein Umstand, der es uns nicht als ein Wunder erscheinen läßt, daß die Chinesen die Engländer am Liebsten mit dem Worte »Yang-kuei- dze«, d.h. »Meerteufel«, bezeichnen." [Geographische Predigten. Land und Wasser] Aber auch in Vernes 'Drama': "(...), d.h. seit beinahe einem Jahrhundert (...)"

zu (...), ohne (...): Natürlich gibt es diese Phrase auch bei May, aber in dieser sich wiederholenden Ballung innerhalb einer Aufzählung ist sie ansonsten nicht zu finden. Die bekannte Greenhorn-Passage, an die man sich ein wenig erinnert fühlt, benutzt etwa vollkommen andere Wörter.

(...) hatte er sich drei Zähne eingeschlagen (...), sich zwei Finger weggeschossen (...): Die Charakterisierung des Aeronauten Halls ist eine satirisch-comichafte Überzeichnung eines glücklosen 'technischen' Helden mit mehreren körperlichen Defekten: ihm fehlen drei Zähne, zwei Finger und ein Großteil seiner Haarpracht hinweg. Nun sind derartige Deformierungen zwar auch bei zahlreichen mayschen Helden üblich, doch in stereotyper Weise betrifft dort eine Figur lediglich eine einzige individuelle Deformation, man denke etwa an den skalpierten Hawkens, an Sans-ear, den nasenlosen Snaker oder den zahnlosen Walker, an Sir David Lindsay, der in Kurdistan zwei Finger verliert, an Humpley-Bill, Hobble-Frank oder den Stelzfuß Heinz. Eine vergleichbare, multideformierte Ausnahme ist freilich der Ur-Hammerdull [vgl.: Hall - Hammerdull!] in 'Auf der See gefangen': "Bei näherer Betrachtung konnte man bemerken, daß ihm nicht nur mehrere Finger, sondern auch beide Ohren fehlten, und wer genau auf die Haare und die unter ihnen hervorschimmernde, hochgeröthete Kopfhaut achtete, war der Entdeckung nahe, daß er eine Perrücke trug, nicht etwa eines Kahlkopfes wegen, sondern weil ihm bei einem unglücklichen Zusammentreffen mit den Indianern der Scalp genommen worden war."

Wasser, Feuer, Luft, vgl.: Die alte Anschauung von der Vierzahl der Elemente, Feuer, Wasser, Luft und Erde, ist nicht so absurd und lächerlich, wie es Dem und Jenem zuweilen erscheinen mag. [Geographische Predigten]

Courage: 12 Fundstellen bei May


Zuletzt geändert von Thomas Schwettmann am 15.3.2005, 14:33, insgesamt 1-mal geändert.

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BeitragVerfasst: 14.3.2005, 16:25 
[Fortsetzung]

In keiner Weise dadurch entmuthigt oder gestört, war Mr. Hall eben im Begriff, in die Gondel seines Ballons zu steigen, als ein großer, sehr kräftig gebauter Mann von feinem Aussehen auf ihn zuschritt und höflichst grüßend sagte: "Dürfte ich Sie mit einer Frage belästigen?"
"Mit Vergnügen."
"Ist es wahr, daß Sie nach Amerika zu gehen gedenken?"
"Nein, nur nach Belfast, so es Wind und Wetter erlauben."
"Belfast," wiederholte langsam der Fremde mit etwas ausländischen Accent, - "Der Norden von Irland. - Nun gut, das ist gerade die Richtung, welche ich auch einzuschlagen habe, weil ich aber zu Lande zu reisen hasse, so erlaube ich mir, Sie zu bitten, mich als Reisegefährten anzunehmen."
Mr. Hall zögerte einen Augenblick. Da er jedoch herzlich wünschte, jemanden als Begleiter auf seiner kühnen Fahrt zu haben und gegen die Person des Fremden durchaus keine Einwendung zu machen hatte, so gab er seine Zustimmung. Nur bemerkte er dem Fremden, daß sein Anzug für die kalten Regionen, die sie zu durchstreichen hätten, zu leicht sein dürfte.
"Bah!" war die Antwort, "ich bin schon durch manches andere Klima gekommen, und bin, gottlob, nichts weniger als empfindlich."
"Nun so kommen Sie, " sagte Mr. Hall, die athletische Gestalt des Fremden mit den Augen messend, - "kommen Sie! die Gondel ist groß genug für uns Beide."
Rasch hatte sich jeder ein Plätzchen zurecht gemacht, und das Zeichen zum "Loslassen" wurde gegeben.
Die 15 Mann, deren Hände die straff angezogenen Stricke festhielten, verlangten nicht Besseres, und in einem Nu flog der Ballon in die Lüfte, begleitet von dem Händeklatschen und dem Geschrei der versammelten Menge.
"Ah! wie herrlich!" rief Mr. Hall! - "nicht wahr?"
Als er hierauf keine Antwort erhielt, schaute er sich nach seinen Gefährten um. Derselbe lag, die Hände krampfhaft an die Stricke des Ballons geklammert, beinahe platt auf dem Leibe. Sein Kopf hing schlaff über den Rand der Gondel, während sein Blick ausdruckslos hinabstarrte.
"Haben Sie Furcht?" fragte Mr. Hall theilnahmsvoll.
Keine Antwort.
Unterdessen fliegt der Ballon mit rasender Geschwindigkeit aufwärts, und in kurzer Zeit hatten sie die Wolkenregion erreicht.

als ein großer, sehr kräftig gebauter Mann von feinem Aussehen, vgl.: "seine starken Züge deuteten auf unbezwingliche Energie, und seine Muskulatur war sehr ausgebildet." [Verne: Ein Drama in den Lüften]

und höflichst grüßend: »Genehmigen Sie meinen höflichsten Gruß [Verne: Ein Drama in den Lüften]

nur höflichst: 16 Fundstellen bei May

mit einer Frage belästigen: Keine Fundstelle bei May oder Vernes 'Drama'

Wind und Wetter: 32 Fundstellen

Reisegefährten: Von May bereits vorher bei der Ballonfahrt in 'Wanda' verwandt: "Es war der Reisegefährte des Professors." Findet sich ebenso bei Vernes 'Drama': "Als ich wieder aufgestanden war, sah ich einen Reisegefährten neben mir (...)"

daß sein Anzug für die kalten Regionen (...) zu leicht sein dürfte., vgl.: "(...) wenn Sie friert, bin ich bereit, meine Kleider auszuziehen und sie Ihnen zu leihen."

Kalte(n) Region(n): Keine Fundstelle bei May oder Vernes 'Drama'

Bah!: 33 Fundstellen bei May --- Ebenfalls bei Vernes 'Drama in den Lüften': "Bah, denken wir jetzt noch nicht an die Rückkehr!" sowie " Bah! Das Unglück kommt auch ohne Vorbedeutungen!" und " Bah! wir gehen hoch darüber hinaus (...)"

Nichts weniger als: 151 Fundstellen bei May

Nichts weniger als empfindlich: keine Fundstelle. Das Beispiel zeigt wie tückisch und nur bedingt aussagekräftig Wortschatzuntersuchungen sind.

Athletische Gestalt: stattdessen heißt es bei May eher 'athletischische Figur' [z.B. Waldröschen]

! - Kleinschreibung hinter dem Ausrufezeichen ist auch bei den Erzählungen 'Türkische Justiz', 'Weißenburger', 'Wie man zu einer Frau kommt' und 'Eine herrliche Arznei' anzutreffen. Diese nach der Leserefahrung für Karl May eher untypische Art der Rechtschreibung läßt sich mit der Suchfunktion auf der Werke-CD nicht recherchieren, da bei der Suche dort Satzzeichen aller Art nicht berücksichtigt werden. Es gibt aber mindestens eine Stelle in der nahezu parallel abgedruckten Humoreske 'Ausgeräuchert': "Na, nehme Er's nicht ungut! ich wollte ja nur sehen, wie Er denkt." Eine weitere Stelle ist mit zusätzlichen Bindestrich geschrieben: "Aber Du da vorn - Wirthshaus, he! - mache keinen solchen Lärm mit Deinen Flaschen und Gläsern; (...)." Ferner gibt es in der Titelgeschichte der 'Karawanenwürger'-Buchausgabe diese Stelle: "Stirb! Du Hund!", die jedoch gegenüber der Erstfassung 'Die Gum' abgeändert wurde. Dort heißt es noch: " Kelb, Hund, stirb!" Im 'Karawanenwürger' finden sich außerdem noch zwei weitere Stellen im mutmaßlichen Fremdtext 'Ein Kampf mit Piraten": "Mexikanische, mexikanische! aber (...)" sowie "Ergeben! wo zum Henker (...)". Des weiteren findet sich die Kleinschreibung auch bei Vernes 'Drama in den Lüften': "Bah! ich konnte die Reise nicht bezahlen (...)" und "Bah! wir wollen jetzt (...)"

Rasch hatte sich jeder ein Plätzchen zurecht gemacht, vgl.: (...) und ich werde Euch Beiden ein Plätzchen zurecht machen [Auf der See gefangen]

In einem Nu: 8 Fundstellen bei May

Platt auf dem Leibe: Keine Fundstelle bei May, lediglich 1 Fundstelle für "platt um den Leib" [Im Lande des Mahdi III]

Sein Kopf hing schlaff über den Rand der Gondel, vgl.: "Er stand regungslos, ganz von dem Staunen hingerissen, das ihm diese schweigende Auffahrt abnöthigte; er lehnte an dem Gondelrand" [Verne: Ein Drama in den Lüften]

Haben Sie Furcht? Keine Fundstelle bei May oder Vernes 'Drama'

Theilnahmsvoll, vgl.: "(...) indem sein Auge theilnahmsvoll" [Dukatenhof]. Zwei weitere Fundstellen zu 'Teinahmsvoll' in 'Durch das Land der Skipetaren' und 'Am Stillen Ozean / Der Ehri'

Wolkenregion(en): Keine Fundstelle bei May oder Vernes 'Drama'

fliegt: im Abdruck heißt es fälschlich flieg


[Fortsetzung]

Mr. Hall wandte sich jetzt von Neuem zu seinem Gefährten. Dieser befand sich noch ganz in seiner früheren Lage.
"Sind Sie unwohl?" sagte der Luftschiffer, ihn leicht am Arme schüttelnd.
Wieder keine Antwort. Immer noch derselbe todte, starre Blick.
Schon waren sie jetzt in ungeheuerer Höhe angekommen. Unter ihnen lagen die Wolken, über ihnen die brennende Sonne, und um sie herum ein endloser, unbegrenzter Raum.
Plötzlich sprang der Fremde auf. Sein Gesicht war bleich, wie das eines Todten.
"Rascher! Rascher!" rief er mit gebieterischem Tone und warf zugleich drei der mit Sand gefüllten Säcke, die als Ballast dienten, über Bord. "Ha!" fuhr er mit unheimlich klingender Stimme weiter, "das ist eine Art zu reisen; die Schwalben, und sogar den Adler werden wir einholen. - So aufgeregt fühlte ich mich nie, selbst nicht, als ich noch in den Abruzzen die Büchse in der Hand auf Reisende lauerte. - damals war es ihr Leben, das Gefahr lief, jetzt ist es das meine."
"Sehr hübsch," dachte der Besitzer des Ballons, - "es scheint, ich befinde mich in der Gesellschaft eines italienischen Banditen."
Der Ballon stieg immer noch mit grauenhafter Schnelle.
"Besser ist's, mit den Elementen zu kämpfen, als mit Zollhausoffiziere, " murmelte der Fremde halblaut, und warf wieder einige der Säcke hinaus.
"Um Gotteswillen," rief Mr. Hall, indem er die Hand auf seines Gefährten Arm legte, "bleiben Sie an Ihrem Platze. - Unser Leben steht auf dem Spiele. - Schon muß ich, um Ihre Unklugheit wieder gutzumachen, einiges Gas herauslassen."
"Wie geschieht das?" fragte der Fremde neugierig.
"Ich ziehe diesen Strick hier an, der mit der Klappe des Ventils in Verbindung steht."
"Und wenn Sie dies Hilfsmittel nicht hätten, was wäre die Folge davon?"
"Wir würden steigen und steigen bis Alles zerbersten würde."
Der Fremde verfiel einen Augenblick in tiefe Gedanken, dann zog er rasch ein langes Messer und zerschnitt, so hoch er hinauf langen konnte, den Strick der Klappe.

Sind Sie unwohl? Findet sich in 'Der Brodnik/Am Stillen Ocean', 'Deutsche Herzen - deutsche Helden' und 'Der Weg zum Glück'

Sonne, vgl.: »Wir müssen hinabsteigen! rief ich. - Hinabsteigen, wenn dort die Sonne auf uns wartet? Hinunter mit den Säcken!« [Verne: Ein Drama in den Lüften]

Rascher, rascher: findet sich in 'Kiang-lu/Am Stilen Ocean' sowie 'Silberlöwe III'

und warf zugleich drei der mit Sand gefüllten Säcke, die als Ballast dienten, über Bord, vgl.: "Und ohne meine Zustimmung abzuwarten, entlastete er den Ballon um zwei Säcke, die er hinausschleuderte." [Verne: Ein Drama in den Lüften]

Abruzzen, vgl.: "Sie befinden sich hier ja nicht in den Abruzzen oder im Bakonyerwald, wo es selbst heut noch Raubgesindel geben soll." [Der Weg zum Glück ], "Ich habe euch einen Namen entgegenzusetzen, der Staaten erschüttert, und die Mündungen meiner Kugelbüchsen liegen euch Gewaltigen und Gefürchteten entgegen. Ich bin Rinaldini." Im Roman 'Rinaldo Rinaldini' von Vulpius, den May bekanntlich in 'Mein Leben und Streben' und 'Ein wohlgemeintes Wort' als frühen verderblichen Einfluß bezeichnet, zieht der gefürchtete Räuberhauptmann zwar durch die Apenninen, jedoch durch einen wesentlich nördlicheren Teil des Gebirgszuges als die Abruzzen. Man sollte vielleicht recherchieren, ob die Abruzzen etwa Handlungsort in den von May ebenfalls genannten Imitaten 'Sallo Sallini' oder 'Himlo Himllini' (beide von G.K.L. Schöpfer) sein könnten.

Abruzzen, Banditen, Räuber, vgl.: Ein Jude wurde in den Abruzzen von Räubern überfallen, welche ihm sein Geld abverlangten. Er zog den Beutel hervor und fing an zu zählen. / "Her mit dem Gelde!" herrschte in der Anführer der Banditen an. Was braucht der noch zu zählen?" / "Wie haißt!" erwiderte der brave Handelsmann. "Werd' ich doch dürfen mir nehmen zwei Prozent für Baarzahlung!" [aus den 'Anecdoten' von 'Schacht und Hütte', Nr. 20, S. 160]

Besser ist's, z.B.:: "(...) und je eher, desto besser ist's!" [Der Waldkönig] - Insgesamt 15 Fundstellen be May

Mit den Elementen zu kämpfen: "(...) kämpft mit den Gewalten der Elemente" [Geographische Predigten, 7. Stadt und Land], "(...) im Kampfe mit den Elementen" [Old Firehand], "(...) sondern auch mit den Elementen zu kämpfen." [Waldröschen]

Zollhausoffiziere, vgl.: "(...) um den im Vorraume befindlichen Zollwächter herbei zu rufen." [Die Kriegskasse], "Die Zollwächter und Forstbeamten waren dem Spuke gründlich auf die Spur gekommen" [Der Hergottsengel], "(...) und begab sich dann nach dem Zollhause." [Ein Dichter] - Insgesamt gibt es 3x den 'Zollwächter', 6x 'Zöllner(n)' und 6x das 'Zollhaus(e)', jedoch keine 'Zollhausoffiziere', daß bei May ein Zöllner allerdings auch ein Offizier sein kann, liest man in 'Die Kriegskasse': "(...) so fühlte er sich von dem Offizier gepackt und zurückgehalten. / »Zurück!« rief er mit laut schallender Stimme; »die Zollratten sind da!«

und warf wieder einige der Säcke hinaus, vgl.: "Und bevor ich dazwischen treten konnte, hatte er zwei Sandsäcke ergriffen und sie über den Gondelrand hinaus geschleudert (...)" [Verne: Ein Drama in den Lüften]

Klappe des Ventils: Der Ausdruck Ventil geht zwar nicht auf die Verne-Übersetzung des 'Drama' zurück, doch Karl May benutzte das Wort bereits zuvor einige Male alternierend zur Klappe in 'Wanda', so z.B: "Das Ventil öffnete sich; mit einem leise pfeifenden Rauschen strömte das Gas heraus (...)"


[Fortsetzung]

Rascher, rascher!" rief er von Neuen, wüthend an den Seilen des Ballons rüttelnd.
Der Mann war ein Riese im Vergleich mit Mr. Hall, der, da er wohl einsah, daß er mit Gewalt nichts ausrichten im Stande wäre, sich auf das Bitten verlegte.
"Mein Herr," sagte er, "Sie sind sicher Christ und unsere Religion verbietet den Mord."
"Rascher, rascher!" brüllte der Riese, und mit nerviger Faust den Rest der Sandsäcke packend, schüttete er ihren Inhalt auf die unter ihnen dahinstreichenden Wolken.
Mr. Hall fiel auf die Kniee nieder. "Ah!" rief er verzweiflungsvoll aus, "wenn Ihnen auch nichts mehr an Ihrem Leben liegt, so schonen Sie wenigstens das meine. Haben Sie Mitleid! Ich bin jung, reich und glücklich! Ich habe noch eine Mutter und eine Schwester - in ihrem Namen flehe ich Sie an, nur Ihre Hand nach der Klappe auszustrecken, um ein wenig Gas aus den Ballon zu lassen, was uns Beide von einem fürchterlichen Tode retten wird.
"Unsinn! wir kommen ja gar nicht weiter!" versetzte der Fremde, riß seinen Rock berunter und schleuderte ihn hinaus.
"Jetzt ist's an Ihnen," rief er, und ehe sich der arme Hall nur widersetzen konnte, hatte er ihm auch den Rock vom Leibe gezogen und dem seinen nachgeworfen.
Der Ballon, dessen rasenden Flug nichts hemmte, fuhr indessen fort, immer höher und höher zu steigen.
"Ha, ha, ha!" lachte der Fremde, "während wir so hübsch im Begriffe sind, in den Himmel zu fahren, werde ich Euch ein Geschichtchen erzählen."
Mr. Hall rührte sich nicht mehr; schon strömte ihm in Folge der außerordentlichen Dünne der Luft das Blut in Augen und Ohren.

(...) sich auf das Bitten [ver]legen, vgl.: Furchtsam die Hühnengestalt des Sprechenden messend, legte der Bedrängte sich auf das Bitten. [Ein Stücklein vom alten Dessauer]

"Mein Herr", vgl.: mein Herr, sagte er mit der größten Ruhe. / »Stört mein Gewicht das Gleichgewicht Ihres Ballons, mein Herr? [Verne: Ein Drama in den Lüften.]

(...) und unsere Religion verbietet den Mord, vgl.: Deine und seine Religion verbietet den Mord [Winnetou I]

nerviger Faust: diesen Ausdruck liest man nur einmal als die 'nervigen Fäuste' [Die Juweleninsel]

Jetzt ist's an Ihnen: Keine Fundstelle bei May oder Vernes 'Drama'

ist's: Für sich allein betrachtet ist diese Verkürzung freilich durchaus mayüblich, ca. 2000 Fundstellen

Geschichtchen, vgl.: »Das ist ja ein recht interessantes Geschichtchen. Nur begreife ich nicht, weshalb es gerade mir erzählt wird.« [Der Weg zum Glück]

Dünne der Luft, vgl.: "(...) dessen Schall durch die Dünne der Luft bedeutend abgeschwächt wurde" [Wanda, Kapitel: Über den Wolken], "Je höher wir kamen, desto kühler wurde es, und die zunehmende Dünne der Luft machte sich besonders an unsern Pferden bemerklich." [Christ ist erstanden]

das Blut in Augen und Ohren, vgl.: "(...) und wir schwebten in einer Höhe von mindestens 9000 Metern; das Blut drang mir aus Mund und Nase!" [Verne: Ein Drama in den Lüften]


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BeitragVerfasst: 14.3.2005, 16:29 
[Fortsetzung]

"Hört zu! Vor drei Jahren bewohnte ich Madrid; ich war Wittwer und lebte allein mit meiner Tochter, einem reizenden blauäugigen Engel mit prächtigen langen Haar.
Eines Tages war ich früh von Hause weggegangen, und als ich Abends heimkam, fand ich mein Kind, meine theure Lucia, nicht mehr! Banditen waren während meiner Abwesenheit in mein Haus gedrungen und hatten mir mein Theuerstes geraubt.
Seit dieser Zeit durchstreife ich rastlos ganz Europa, um mein Kind zu finden - aber Alles ist vergebens! - Im Norden von Irland jedoch, da könnte sie sein! Habt Ihr vielleicht ein Zündhölzchen bei Euch?"
Der arme Hall schüttelte mit dem Kopfe.
"Auch nicht! O, wenn ich nur eines hätte, ich würde den ganzen Ballon anzünden, und durch's Zusammenbrennen müßte er doch leichter werden. Als Ihr mich heute früh saht, war ich eben daran, die dummen Gesichter der Menge zu mustern, in der Hoffnung, das des verfluchten Räubers meines Kindes darunter zu entdecken - aber vergebens!"
Daß sein Reisegefährte vollständig verrückt war, hatte der unglückliche Hall längst mit Entsetzen bemerkt. Da - o gütiger Himmel - schien ihm plötzlich ein rettender Gedanke zu kommen.
"Wie ist Euer Name?" fragte er den Wahnsinnigen.
"Luigi Toreno!"
"Wie! Ihr wäret Luigi Toreno!"
"Der bin ich!"
"O, dann weiß ich, wo der Räuber Eures Kindes zu finden ist - wir sind gerade über dem Orte - öffnet die Klappe des Ventils, und in kurzer Zeit werdet Ihr Eure Lucia in die Arme schließen."
"Nein, nein! Ihr täuscht mich, guter Freund! meine Lucia ist im Himmel, nicht auf Erden; verflossene Nacht erschien sie mir im Traume und sagte es mir. Deshalb muß ich immer höher und höher hinauf, denn nur dort kann ich sie finden. Kommt, helft mir dabei! laßt uns mit der ganzen Kraft unserer Lungen blasen; da wir doch unten sind, so muß dies den Ballon in die Höhe treiben. Also blast, Freund, blast!"

Wittwer, vgl.: "(...) der seit kurzer Zeit Wittwer geworden war." [Wanda], "(...) aber obgleich er Wittwer war (...)" [Unter den Werbern]

Lucia: Dieser Name taucht bei May (neben der Ortschaft San Lucia in 'Am Rio de la Plata') nur als Namenspatronin der Mission in 'Vom Tode erstanden/Old Surehand II' auf. Obwohl May hier einen Großteil der Beschreibung wortwörtlich bei Gerstäcker (Kreuz und Quer) abgeschrieben hat, benannte er dabei Gerstäckers 'Mission Dolores' freilich in 'Santa Lucia' um, sodaß der Name Lucia indirekt also schon zu seinem Figurennamen-Reportoire gehörte.

Zusammenbrennen: Keine Fundstelle bei May oder Vernes 'Drama'

Vollständig verrückt war, vgl.: »Ja, ja, verrückt geworden, vollständig verrückt!« ergänzte der Kastellan. [Waldröschen]

Luigi Toreno: Der Italiener, der Vernes 'Irren' Erostratos/Empedokles imitiert und in den Abruzzen mit der Büchse in der Hand auf Reisende lauerte, läßt an Mays Lektüre von Vulpius 'Rinaldo Rinaldini' denken; dort tritt dann auch ein Räuberhauptmann namens Luigino auf. Dabei ist Toreno freilich kein italienischer sondern ein spanischer Name, so gab es im 19. Jahrhundert etwa einen Staatsbeamter und Geschichtsschreiber dieses Namens (Don José Maria Queypo de Llana Ruiz de Saravia, Conde de, geb. 1786 zu Oviedo). Kaum verwunderlich also, daß dieser verrückte Räuber seine Tochter Lucia in Madrid verlor. Aber auch in 'Rinaldo Rinaldini' gibt es die Verbindung mit Spanien. Mehrmals überlegt der Räuberhauptmann nach dem Lande auszuwandern: "Wie? Wenn ich in ein fernes Land gehen, wieder zu meinem Hirtenstabe greifen und mich in die Einöde Spanischer Triften verbergen könnte? (...) Fort, fort aus Siziliens Tälern, in Spaniens duftende, friedliche Auen!"

Natürlich zeigte May ebenso eine frühzeitige Faszination für Spanien - die sich ja auch im 'Gitano' und dem 'Waldröschen' wiederspiegelt: Als er noch ein Junge war, wollte Karl May nach der Lektüre des Buches »Die Räuberhöhle an der Sierra Morena oder der Engel aller Bedrängten.« nach Spanien, dem Lande der edlen Räuber, ziehen: »Ihr sollt euch nicht die Hände blutig arbeiten; ich geh nach Spanien; ich hole Hilfe!«, auch nahm er als Trommler an einer Aufführung von Wolff & Webers 'Preziosa' teil: Der erste Akt spielte in Madrid. [Mein Leben und Streben]

Verflossene Nacht, vgl.: "(...) und die andere gewiß erst in der verflossenen Nacht" [Scepter und Hammer]

Erschien sie mir im Träume, vgl.: "Ich glaube, daß es mir im Traume erscheinen wird." [Waldröschen]

[Fortsetzung]

Mr. Hall versuchte vergebens sich zu erheben.
"Bei meiner Seele, wir kommen gar nicht vom Flecke," heulte der Riese. "Auf! steigt auf meine Schulter und schiebt am Ballon. Wir müssen hinauf!"
Mit diesen Worten packte er den halbtodten Hall und hob ihn wie ein Kind über den Kopf.
"Jetzt d'rauf los! Schiebt! schiebt!"
Der Unglückliche suchte zu gehorchen, aber das von seinen Augen niederrieselnde Blut blendete ihn. Ein schreckliches Klingen und Summen erfüllte sein Ohr; Blitze schienen vor ihm zu zucken.
"Nun?" schrie der Wahnsinnige, "will es nicht gehen?"
In diesem Augenblick berührte Mr. Halls zitternde Hand zufällig den Strick des Sicherheitsventils. Mit Aufgebot seiner letzten Kraft zog er ihn an. Zischend strömt das Gas durch die geöffnete Klappe und rasch begann der Ballon auf die Wolken niederzusinken.
"Ah!" rief Toreno, "anstatt den Ballon aufwärts zu schieben, wie ich Euch gebot, drückt Ihr ihn herab! Aufwärts! sagte ich Euch, aufwärts!"
"Ihr seht ja, daß ich es aus Leibeskräften thue."
"Nein! Nein! denn hier zeigt sich schon die Erde wieder!"
"Das kommt daher," stöhnte der arme Hall, "daß die Wolken sich nach den oberen Regionen ziehen!" "Gut," rief der Verrückte, indem er Hall auf den Boden niederlegte, "das wollen wir auch! Und um den Ballon leichter zu machen, laßt uns Alles über Bord werfen!"
"Wir haben ja nichts mehr!"
"Nichts mehr?" fragte der Wahnsinnige, seinen Gefährten scharf anblickend. - "Wie viel wiegt Ihr?" Den unglücklichen Hall traf diese Frage wie ein betäubender Schlag.
"O, sehr wenig! Nichts, das nur im Geringsten etwas ausmachen könnte - eine unbedeutene Kleinigkeit!"
"Eine unbedeutene Kleinigkeit? - nun, auch die ist von Gewicht."

D'rauf: Auch diese Verkürzung ist mayüblich, 31 Fundstellen

Niederrieselnde[s] Blut: keine Fundstelle bei May oder Vernes 'Drama'

Blitze schienen vor ihm zu zucken: In Vernes 'Drama' sind die Blitze echt: "Um ihn her zuckten Blitze."

schrie der Wahnsinnige, vgl.: »Was giebt es Herrlicheres, als sich zu den Märtyrern der Wissenschaft zählen zu dürfen! rief der Wahnsinnige [Verne: Ein Drama in den Lüften]

Zischend strömt das Gas durch die geöffnete Klappe, vgl.: »Sie haben die Klappe geöffnet, mein Herr, trotzdem ich es Ihnen verboten hatte!« [Verne: Ein Drama in den Lüften]

Unbedeutene Kleinigkeit: Keine Fundstelle bei May oder Vernes 'Drama'

? - nun, (...): findet sich auch in Vernes 'Drama in den Lüften ': "Ich mich hier befinde?... nun, Sie sind jedenfalls (...)"

?: Kleinschreibung hinter einen Fragezeichen findet sich mindestens auch in Mays 'Geographischen Predigten': »Na, Stine, wie wär't denn? Hihihihi!« [7. Stadt und Land], "Der Denkende? Nein, der irrig Denkende betritt sie (...)" in: [8. Haus und Hof] sowie in 'Ein Selfman': "Die Liebe -? pah -" (ebenfalls in der Buchausgabe 'Der Karawanenwürger", auch in Vernes 'Drama in den Lüften' gibt es noch weitere Beispiele, so etwa: "Herablassen? soll der Ballon etwa (...)"

[Fortsetzung]


Das Ungeheure der Gefahr gab unserem Aeronauten seine Geistesgegenwart wieder.
"Mein Freund," sagte er, "Eure Tochter ist nicht todt - ich sah sie erst vorige Woche in der Nähe von Belfast. Sie lebt bei einer Familie, die sie liebt und wie ihr eigenes Kind behandelt. Im ganz kurzer Zeit werdet Ihr, wenn Ihr mir erlaubt, den Ballon fallen zu lassen, bei ihr sein."
Der Wahnsinnige starrte ihn wild und ungläubig an.
"Ja," fuhr Mr. Hall eifrig fort, um den Eindruck zu benutzen, den er auf ihn gemacht zu haben schien, "Ihr werdet sie wiederfinden, Eure Lucia, mit weitgeöffneten Armen wird sie Euch entgegeneilen, und lustig wird ihr goldenes Haar im Winde" ---
"Ihr lügt, Ihr lügt! Lucia's Haar ist so schwarz wie Ebenholz. Ihr habt sie nie gesehen! Wie viel wiegt Ihr?"
"Oh, beinahe nichts. Nur ein paar Pfund!"
Der Wahnsinnige ergriff ihn mir beiden Händen und hob ihn über den Rand der Gondel, einen Augenblick später - und er würde ihn in die unermeßliche Tiefe geschleudert haben.
"Toreno!" rief der Unglückliche, "Ihr wollt höher hinauf?"
"Ja!"
"Euer Wunsch ist, den Ballon leichter zu machen?"
"Ja, ja"
"Und wieviel wiegt Ihr selbst?"
"Zweihundert Pfund!"
"Gut, so stürzt Euch selbst hinab; und der dadurch ungeheuer erleichterte Ballon wird mit solch' unglaublicher Raschheit aufsteigen, daß er bald an den Himmel stoßen muß!"
Der Wahnsinnige besann sich einige Augenblicke.
"Das ist wahr," sagte er; "Ihr habt Recht!" und seine Hände ließen Hall los.
"Mein Schöpfer!" rief ich dann, einen letzten wilden Blick um sich werfend, "Ich komme zu Dir. Bei Dir allein werde ich mein Kind, meine Lucia wiederfinden!" und mit einem verzweifelten Satze über Bord springend, verschwand er.
* * *
Der Ballon und sein Besitzer kamen glücklich unten an. Der Letztere jedoch lag viele Wochen lang im heftigsten Fieber da.
Als er wieder zu sich kam, war sein Erstes, daß er Befehl gab, sein gefährliches Spielzeug um jeden Preis zu verkaufen; und jetzt, nachdem schon so manches Jahr darüber vergangen, ein treues Weib an seiner Seite, und ein Blühender Kreis Kinder um ihn stehen, denkt er noch oft mit Schaudern an seine letzte Luftfahrt.

Solch': Ebenfalls üblich bei May, 166 Fundstellen

verschwand er, vgl.: Der Rasende war in dem Raume verschwunden, während mein Ballon zu unermeßlichen Höhen emporgetragen wurde! [Verne: Ein Drama in den Lüften]


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BeitragVerfasst: 14.3.2005, 16:30 
Manche Autoren neigen dazu, in ihren Texten mehr oder weniger bewußte Anspielungen auf Lebens- oder Arbeitsumstände zu machen. Bei Karl May finden sich durchaus häufig solche Referenzen, so etwa, wenn er seine erste Ehefrau unverhohlen in "Zepter und Hammer" in der Figur Emma Vollmer (statt Pollmer) spiegelte oder den Altersunterschied zu ihr in der fünfjährigen Emmy in "Winnetou I" demonstierte. Eine andere Marotte Mays ist die Tendenz, den realen zeitlichen Abstand in der Niederschrift von Texten als fiktiven Abstand zwischen einzelnen Abenteuern zubenennen, was zu einigen Verwirrungen in der fiktiven Chronologie führen kann, Beispiele dafür sind etwa (...)

Nun gibt es auch im "Luftfahrt"-Text eine Passage, die bei aller Vorsicht, die bei solchartigen Interpretationen angebracht ist, doch eine merkwürdig stimmige Deutung zuläßt. Da heißt es bezüglich der Vorgeschichte des Mr. Hall: Beim Turnen hatte er sich drei Zähne eingeschlagen; beim Schifffahren wäre er beinahe schon viermal ertrunken, und auf der Jagd in den schottischen Mooren, hatte er, anstatt Rebhühner, sich zwei Finger weggeschossen. Eine Vorliebe ferner für die edle Feuerwerkerei hatte ihn eines großen Theiles seiner Haare und gänzlich seiner Augenbrauen und seines Bartes beraubt. Was endlich seine verschiedenen Eisenbahnunfälle betrifft, so ließe sich darüber ein ganzes Buch schreiben. Die Art und Reihenfolge der Unglücke scheint auf dem ersten Blick relativ willkürlich, vergleicht man diese jedoch mit den bis dato von May für Münchmeyer geschriebenen Prosatexten, so ergibt sich doch eine Übereinstimmung mit wesentlichen Motiven und der Reihenfolge dieser. In 'Wanda', der ersten Erzählung, spielt etwa das Turnen in der Tat eine wichtige Rolle. Wanda zeigt auf dem Turnplatze der Feuerwehr (...) an Reck, Barren, Bock und Kletterstange ihre Meisterschaft, welche ihr auch beim Aufstieg auf die Felsenwand zu gute kommt, während Winter sie nach einem Unglück von dort oben rettet, wobei sich das Niederturnen (...) bei Weitem nicht so gefahrvoll wie das Emporklimmen erweist, später hangelt er sich noch an einem Strick des Ballons hoch, als habe er auf dem Turnplatze eine Seilübung vorzunehmen. 'Der Gitano', die in Spanien lkalisierte zweite Münchmeyer-Erzählung, fällt freilich ganz aus der Serie, allerdings hat der wahnsinnige Mitfahrer und Ex-Räuber Luigi Toreno einmal in Madrid gelebt. Hingegen findet sich in der darauf folgenden Geschichte von "In-nu-woh" sowohl Schifffahren wie auch die Gefahr des Ertrinkens, in der sich das junge Mädchen und der Indianerhäuptling nach dem Sprung in das Wasser scheinbar befinden. Das nächste Motiv ist die Jagd auf Rebhühner, dieses korrespondiert mit dem Anfang des Haupttextes in "Ein Prairiebrand": Der Amerikaner J.T. Irving hatte sich auf einem Jagdzuge durch die Prairie beim Verfolgen von Truthühnern, welche den Jäger in einen Grenzwald gelockt hatten, von seiner Gesellschaft getrennt. Die Entstehungszeit dieses 1887 in dem ersten Jahrgang des "Guten Kameraden" abgedruckten Textes wurde von Jürgen Wehnert in dessen Aufsatz "... und ich das einzige lebende Wesen in dieser Wildnis" indes überzeugend als zwischen den beiden "Mappe"-Texten "Inn-nu-woh" und "Old Firehand" gelegen eingeordnet. Die nun folgende edle Feuerwerkerei mit der Gefahr des Versengens der Haare paßt natürlich zu den Feuersbrünsten, die sowohl in "Ein Präriebrand" wie auch in dem anfänglichen New-Venango-Abenteuer aus "Old Firehand" wüten, während die Eisenbahnunfälle natürlich an den nachfolgenden Eisenbahnüberfall in der Novelle denken lassen. Ist diese Parallelität in Motiv wie Reihenfolge zwischen Halls Abenteuern und Mays Erzählungen wirklich nur rein zufällig? Und liest man in "Luftfahrt"-Text weiter, gibt es da nicht weiteren Anlaß für derartige Spekulationen? Da heißt es: Demgemäß hatte er sich ein Jahr zuvor, als er noch auf seinem Gute in Devonshire lebte, einen großen Luftballon gekauft. Was aber hat May ein Jahr zuvor, als er noch bei seinen Eltern in Ernstthal lebte, geschrieben? Natürlich "Wanda", seine erste Luftballon-Geschichte!

Dennoch, allein anhand von Vergleichen des Wortschatzes, der Rechtschreibung und der Figurenbennenung und Charakterisierung sowie der Motive der Handlung läßt sich eine Autorenschaft Mays an Eine grausige Luftfahrt weder verneinen noch bestätigen. Ein Schreibstilvergleich eignet sich sowieso eher dazu, eine Autorenschaft auszuschließen, als sie zu bestätigen. Dies gilt umso mehr dann, wenn ein Autor dazu neigt, Fremdtextpassagen wörtlich in seine eigenen Schriften zu übernehmen, sodaß selbst eine Textidentität nicht notwendigerweise auf den gleichen Autor schließen läßt. Und da natürlich anzunehmen ist, daß May die Fremdtexte, die er in 'Schacht und Hütte' übernahm, auch las, wären eventuelle Textähnlichkeiten zwischen Eine grausige Luftfahrt und Textpassagen aus ja nun fast allesamt später geschriebenen May-Texten auch dadurch erklärbar, daß May dabei - sei es nun bewußt oder unbewußt - kopiert hat.

Das stärkste Argument gegen eine Autorenschaft Mays ist sicherlich die grammatikalische Eigenheit, hinter Ausrufezeichen und Fragezeichen recht regelmäßig in Kleinschreibung vorzufahren, was bei May-Texten, selbst wenn man nur die etwa gleichzeitig entstandenen in Betracht zieht, doch nur selten zu finden ist. Andererseits könnte die in den Erzählungen der letzten 'Schacht und Hütte'-Nummern zu beobachtene Häufung dieses Phänomens theoretisch auch auf einen (altgedienten?) Drucker zurückgehen, der diese - Anfang des 19. Jahrhunderts durchaus standartmäßige - Form der Rechtschreibung eigenmächtig bevorzugte. Denkbar wäre aber auch, daß sich der Autor zu dieser Auffälligkeit durch 'Ein Drama in den Lüften' verleiten ließ, schließlich ist diese Form der Kleinschreibung dort gleichfalls gehäuft zu finden. Mit hinreichender Sicherheit kann lediglich gefolgert werden, daß dem Autor Vernes Ballon-Geschichte nicht nur bekannt, sondern beim Abfassen der 'grausigen Luftfahrt' gleichsam vor den Augen gelegen haben dürfte.

Ob also irgendwann die 'Grausige Luftfahrt' in den Kanon der May-Literatur aufgenommen werden kann und der Kurztext dann etwa - was die logische KMV-Buchausgabe dafür wäre - in einer Neuauflage von GW 72 'Schacht und Hütte' abgedruckt werden könnte (und dann hoffentlich zusammen mit einem rückbearbeiteten 'Wanda'-Text), steht also noch in den Sternen.

PS: Parallel zu diesem Beitrag habe ich übrigens im 'Jules-Verne-Forum' eine alternative Version dieses Beitrags gepostet, der sich aus der Sicht eines Verne-Lesers 'Der grausigen Luftfahrt' nähert. -> http://inside-forum.de/thread.php?threadid=6498


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BeitragVerfasst: 23.3.2005, 10:50 
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Registriert: 8.5.2004, 19:48
Beiträge: 124
Wohnort: Hohenstein-Ernstthal und Radebeul
Lieber Herr Schwettmann,

ich danke Ihnen für diesen sehr interessanten Eintrag. Mit Ihren Textbeiträgen werten Sie die Qualität dieses Forums merklich auf. Leider kann ich in der Regel nicht mit diskutieren, da mir meine ehrenamtlichen Tätigkeien kaum Spielraum lassen – so soll im Mai eine weitere Ausgabe des BEOBACHTER AN DER ELBE erscheinen.

Nochmals besten Dank für Ihre Mitarbeit hier im Forum!

Mit besten Grüßen
Ihr
Ralf Harder


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BeitragVerfasst: 23.3.2005, 14:38 
Vielen Dank, Herr Harder!

Ich bin mir durchaus bewußt, daß meine längeren Beiträge, sofern diese dann überhaupt von vielen Fornbesuchern vollständig gelesen werden, nicht gerade zur unmittelbaren Reaktion einladen, da man sich, sofern einen die jeweilige Materie überhaupt interessiert, auch erstmal damit vertraut machen und einlesen muß.

Ebenso kann man so einen Beitrag natürlich nicht mal kurz aus der Hosentasch ziehen: Im Falle der "Luftfahrt" hat es beispielsweise Jahre gedauert (wobei einen sowas natürlich nur sporadisch beschäftigt und zwischendurch monatelang nicht weiter in den Sinn kommt), bis ich zu der obigen Auswertung gekommen bin. Anfänglich hätte ich wegen der doch teilweise sehr einfachen Sprache und Handlung Karl May als Autor niemals in Erwägung gezogen, erst durch das Erscheinen der Karl-May-Werke-CD und jetzt schließlich der Jules-Verne-CD, die mir erstmals einen Vergleich mit der Hartleben-Übersetzung erlaubte, war es mir möglich, diese 'Zwischen'-Bilanz hier vorzustellen.

Insofern ist sind meine Texte trotz des auf die Jahre gesehen sicherlich flüchtigen Charakters, den so ein Internet-Forum hat, kein Fastfood und sollten auch nicht entsprechend konsumiert werden, sondern nur dann, wenn jemand Zeit, Lust und Interesse an der Thematik hat. Dabei gehe ich - auch aufgrund einiger privater Reaktionen - davon aus, daß es unter den Lesern des Forums doch einige solcher Slowfood-Leser gibt, die auch etwas breitere Beiträge zu schätzen wissen.

Ebenfalls mit besten Grüßen
Thomas Schwettmann


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 Betreff des Beitrags: Re: Eine grausige Luftfahrt
BeitragVerfasst: 26.10.2013, 16:03 
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Registriert: 13.5.2004, 9:16
Beiträge: 18
Wohnort: Berlin
Ich möchte diesen Beitrag noch einmal hochholen, da ich vielleicht eine interessante Ergänzung zum Thema beisteuern kann, die ich eben selbst eben erst erhalten habe. Im Rahmen einer Veröffentlichung stellte ich im Nachwort die Frage, ob es Leser gibt, die weitere Texte kennen, die von Jules Verne Erzählung »Ein Drama in den Lüften« beeinflusst sein könnten. In diesem Zusammenhang wurde auch die Erzählung »Eine grausige Luftfahrt« erwähnt. Wie mir nun Wolfgang Thadewald, ein sehr guter Kenner von Verne-Veröffentlichungen, einschließlich Nacherzählungen und Plagiaten, mitteilte, handelt es sich bei der Veröffentlichung von »Eine grausige Luftfahrt« um einen bis auf den Titel unveränderten Nachdruck, der davor bereits 1864 in »Illustriertes Familien-Journal zur Unterhaltung und Belehrung« (Nr. 44, S 282–284) erschienen ist. Dort unter dem Titel: »Mr. Halls letzte Luftfahrt«. Ich denke, das macht es völlig unwahrscheinlich, dass May der Autor gewesen sein könnte; den Text also auch nicht redaktionell bearbeitet haben wird.


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 Betreff des Beitrags: Re: Eine grausige Luftfahrt
BeitragVerfasst: 27.10.2013, 18:38 
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Registriert: 17.5.2004, 13:18
Beiträge: 58
Wohnort: Mülsen, OT Mülsen St. Micheln
Und damit ist für einen weiteren der anonymen Texte aus Schacht und Hütte die Herkunft geklärt. Den Herr Weißenburger hat ja Robert Ciza schon vor ein paar Jahren im Wiener Karl-May-Brief behandelt, über zwei weitere wird man im kommenden Jahr etwas in der Zeitung des Leipziger Karl-May-Freundeskreises lesen können.


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